Hotel in der Toskana Villa del Pino San Gimignano

Hotel in der Toskana Siena San Gimignano


Hotel in Toscana Hotel in Tuscany, Italy Hotel in der Toskana, Italien Hôtel en Toscane, Italie Hotel en Toscana, Italia Hotel in Toscane, Italië

Krimis

N.1
GIALLO
IN SIENA!
N.2
HABENKÖTTER
Ein Pippo und Lele Krimi
N.3
BIBERMORD
Ein Pippo und Lele
Krimi
N.4
GEIERMORD
Pippo und Lele in der Hochfinanz
N.5
RARA AVIS
Ein Pippo und Lele- Krimi


RARA AVIS - Ein Pippo und Lele- Krimi PDF

RARA AVIS

Oder:

„Das seichte Dösen und ein Big Awakening“


(The Soft Slumbers)

POLITIKERMORD

Ein  Pippo  und  Lele-  Krimi  

****************************************

Pressestimmen zu „RARA AVIS“:

„Der Malteser Falke ist nach über 60 Jahren wieder aufgetaucht! Good ol’ Hömfry würde sich allerdings in seinem Grab umdrehen, wüsste er wie sich seine legitimen Nachfolger Samuele Spadoni und Philippo Marlotti schamlos seiner Dialoge bedienen bei der Auflösung ihres bisher schwierigsten Falles. Aber er müsste neidlos anerkennen, dass die Ermittlungsarbeit des momentan schrägsten Detektivduos der Krimiwelt aus Siena verdammt cool daherkommt. Weiter so, Pippo und Lele!
Elfriede Weidenseicht in „Besseres Lesen“

Ein Whodunnit der anspruchsvollen Sorte! Gekonnt wird der Leser in die Ermittlungen eines Detektivduos aus Siena involviert, welches auf der Spur eines Fetisches aus dem Mittelalter manche politische Unkorrektheiten aufdeckt. Und ebenso viele selbst begeht. Entgegen dem Mainstream der italienischen Krimiliteratur wird hier nicht entweder die Cosmopolitan-Leserin befriedigt, oder der intellektuell anspruchsvolle Leser gesucht. Nein, ALLE haben etwas von diesem nicht alltäglichen Buch. Sofern denn ihre Toleranzschwelle für Impertinenz und Anmassung hoch genug ist.
Schlomo Weich-Radetzky in „Nur ich weiss was Richtiges Lesen ist“

Guido Brunetti hat einen Nachfolger! Nein, sogar zwei. Endlich ist der italienische Ermittler wieder ein Mann. Und erst noch einer mit einem eigenen Leben. Und wirkliche Männer sind so wie Pippo und Lele! Sie können auch mal rülpsen wenn es die Angelegenheit erfordert. Und sie wissen, dass wir Frauen dies mögen.
Alice Black in „Ella“

 In einem obskuren Landhaus in der südlichen Toscana geben sich düstere und andere  illustre Gestalten die Klinke in die Hand. Als einer von ihnen, ein Englischer Politiker, mit eingeschlagener Birne in einem Waldstück eines Klosters unweit des Landgutes aufgefunden wird, gelangen die Dinge ins Rollen. Da einige der illustren Gäste nur inkognito anwesend sind, ist verdecktes Ermitteln angesagt. Ein Fall für Samuele, genannt „Lele“ Spadoni und seinen Partner Philippo, genannt „Pippo“ Marlotti aus Siena, das schrägste Detektivduo der modernen Krimilandschaft. In ihrer gewohnt coolen Manier bringen sie so manche Ungereimtheit an den Tag, nicht ohne regelmässig sich bei befruchtendem Brunello- und Malzwhiskeygenuss und der einen oder andern Havanna philosophisch über Gott und die Umwelt auszulassen. Ein Muss für den aufgeschlossenen Krimileser!
Erhardl „lies mehr über mich“ Bücherwurm in „Bücher kauft man bei Amazon“

 Es war höchste Zeit, dass der Malteser Falke als McGuffin wieder in einer Kriminalstory auftaucht! Eine hintergründige Geschichte um Gier, Geltungssucht und Eitelkeit findet in den sanften Hügeln der südlichen Toscana den Kulminationspunkt den sie verdient. Unbeirrbar folgen zwei Privatdetektive jeder nicht-existenten Spur, bis sie am Schluss wieder einmal zusammen in Richtung untergehender Sonne reiten, beziehungsweise ihr wohlverdientes Glas Brunello auf der schönsten Hotelterrasse der Toscana geniessen dürfen.
Franz Trüffelboot in „Le vrai Noir“

 Wenn wir Landfrauen zusammen lesen, dann muss es etwas Bodenständiges sein, etwas mit Hand und Fuß. Und die Pippo- und Lele-Geschichten sind einfach chotzbodenärbämässig sauguet. Wir verstehen zwar nicht immer, worum es geht, aber wir haben unsern Spaß beim lesen. Nur etwas weniger rauchen sollten die zwei.

Irma Caduff, Landfrauenlesezirkel Surselva-Prättigau

 


Selig sind die uninformierten und geistig Minderbemittelten. Denn Ihrer ist die SVP.

 

Warnung:
Diese Geschichte richtet sich nicht an:

Kampfhundehalter
Feministinnen
Katholiken
Linke
Nette
Sauglatte
Gutmenschen
SVP-Wähler

 

Politikermord.  Ein Pippo- und Lele-Krimi

„Diese Geschichte geht oft weit zurück. Manchmal bis in die Vergangenheit!“ Silvio Brimbolioni, genannt Brimbusca, der Vice-Questore.
„Diese Geschichte widme ich Albert, dem Hund den ich nie hatte.“ Carlo del Pino, der Autor

 

Der Ueli hätte jetzt diese Geschichte dem Zottel gewidmet (Zottel, Dritter von links, Wahlkampfhelfer)

Keine Angst, liebe Eydgenossen. Wir bringen hier nicht den heiligen Christoph um. Wäre zu einfach. Der wird sich selbst unmöglich machen über Dauer.

 

INHALTSVERZEICHNIS

Prolog

Kapitel 1
Im Walde

Kapitel 2
Spurenbeseitigung

Kapitel 3
Corriere Di Siena

Kapitel 4
Ein toter Politiker

Kapitel 5
Ein beunruhigender Telefonanruf

Kapitel 6
Die Witwe

Kapitel 7
Besuch im Detektivbüro

Kapitel 8
In der Bar Osteria Liberamente

Kapitel 9
Ungewollter Zimmerservice

Kapitel 10
Unterwegs über die Crete Senese

Kapitel 11
Der Dicke Mann

Kapitel 12
Rara Avis

Kapitel 13
An der Bar

Kapitel 14
Besuch im Kloster

Kapitel 15
Wieder an der Hotelbar (wo denn sonst)

Kapitel 16
Aston Martin DB5

Kapitel 17
Fact Finding and Brainstorming

Kapitel 18
To kill without a licence

Kapitel 19
Das Dilemma des Autors

Kapitel 20
In der Denkerklause

Kapitel 21
Eine Cocktailparty der Oberklasse

Kapitel 22
Sonntagmorgen

Kapitel 23
Brainstorming der gehobenen Art

Anhang
Das Personal

 

Prolog

 

Ein bisschen undurchsichtig ist er schon, dieser junge Schnösel, aber natürlich konnte ich das Angebot des Professore, mir seinen Sekretär als Begleiter mitzugeben, nicht ausschlagen. Wiliberto soll er heissen, was für ein Name! Ich werde ihn Harry Jones nennen. Aber im Hafen von Livorno hat er sich ganz gut gemacht. Mein Italienisch hätte auf alle Fälle nicht ausgereicht, um dem Kapitän der La Colomba die Geschichte mit der absolut notwendigen Überprüfung der Kisten zu verklickern. Und auch James hat sich ganz gut gemacht als Mönch. Nur gut, dass er kein Wort gesagt hatte während der Inspektion der Schiffsladung. Aber die richtige Kiste hat er dann schnell gefunden. Liegt wohl an der gründlichen Ausbildung, die man ihm beim MI6 verpasst hat. Geht halt doch nichts über gute alte Britische Schulung! Und wie er es dann geschafft hat, die Kiste zu öffnen, den Falken rauszufischen und unter seiner Kutte verschwinden zu lassen ohne dass es der Kapitän gemerkt hat! Hoffentlich hat der junge Wiliberto ebenfalls nichts gemerkt. Aber da bin ich mir nicht so sicher. Wachsam bleiben Mr. Prime Minister! Und sich wohl oder übel auf James verlassen. Ist schon absolutely reassuring, auch im Ruhestand seinen Leibwächter um sich zu wissen. Obwohl, in letzter Zeit beschützt er doch wohl häufiger meine Frau als mich. Was es da denn zu beschützen gibt? Muss wohl mal ein Wörtchen mit ihr reden. Oder besser mit ihm, das ist einfacher, so von Mann zu Mann. Aber erst wenn diese Sache ausgestanden ist.
Antony Booth lehnte sich im Fonds der Limousine zurück und liess die Ereignisse der letzten vierundzwanzig Stunden Revue passieren. James lenkte den Wagen mit der gewohnten Ruhe und der junge Wiliberto auf dem Beifahrersitz schien eingeschlafen zu sein.
War die richtige Idee gewesen, den Professore zu kontaktieren. Nicht nur war er die Liebenswürdigkeit in Person, nein auch die Unterbringung in diesem kleinen privaten Luxushotel liess nichts zu wünschen übrig. Und dann diese Diskretion mit der er ihn abgeholt, bewirtet und untergebracht hatte, man könnte meinen, der Professore wäre gar kein Akademiker, sondern regelmässig in verschlungenen Missionen unterwegs! Und seine Kenntnisse über die res in causa waren absolut phänomenal. Sein Wissen um die entsprechende Schiffsladung war perfekt, die Schwachstelle des Kapitäns und die entsprechende Instruktion an seinen Sekretär waren zielgerichtet und schlussendlich effektiv, wie das Resultat bewies. Morgen früh werde ich den Vogel im Diplomatengepäck ausser Landes schmuggeln und gleich am nächsten Montag dem Institut für Heraldik der Historischen Fakultät der Universität Oxford vorlegen. Professor Arbuthnot schuldet mir zum Glück noch einen Gefallen. Aber ausgestanden ist die Sache noch lange nicht!

Antony Booth waren die begehrlichen Blicke beider seiner Begleiter nicht entgangen, als er den Falken ausgepackt und vorsichtig mit seinem Taschenmesser an der Basaltschicht gekratzt hatte. Und auch der Professore wusste von der ganzen Angelegenheit. Und im Hotel schwirrten weiss Gott zwei, drei weitere, doch eher undurchsichtige Gestalten herum. Die Tempelritterausstellung im nahe gelegenen Kloster zog wohl eine merkwürdige Spezies Menschen an! Zu der er auch gehörte, wie er schamlos eingestehen musste.

Endlich waren sie da. James konnte natürlich nicht in seiner Mönchskutte vor dem Hotel auftauchen und hatte den Wagen unauffällig im kleinen Wäldchen zwischen Hotel und Kloster parkiert um sich umzuziehen. Wiliberto war schon zu Fuss zum Hotel unterwegs. Booth fand es unter seiner Würde, auf das Kleiderwechseln eines Bediensteten zu warten und erklärte diesem, dass er noch etwas frische Luft brauche und machte sich ebenfalls zu Fuss durch das Wäldchen in Richtung Hotel unterwegs.

CRASH! Was war das? Ein grelles Licht explodierte vor, nein in seinen Augen. Ein Blitz fuhr durch seinen Schädel. Booth taumelte und verlor den Boden unter seinen Füssen. Noch während er hinfiel krachte ein zweiter Schlag vom Format eines Sattelschleppers auf seinen Hinterkopf. Den Aufprall am Boden spürte Antony Booth ebenso wenig mehr wie die harten Hände, welche ihm die Mappe mit dem Falken aus seinen Händen wanden. Und auch der Einschlag des Projektils in seiner Brust war nur noch für die Galerie.


 

1. Kapitel

Im Wald

Nebel lag in den Senken der Crete Senese. Einige wenige schlanke Zypressen ragten aus dem fahlen Licht. In der Luft lag der faulige Geruch von frischen Pilzen und Trüffeln.

Fra’ Angelico pfiff ein Liedchen. Er liebte diese feuchten Morgen. Heute würde er mit Sicherheit einige Kilo beste Funghi Porcini und sicher ein halbes Dutzend fette Tartuffi finden. Mit einer Behändigkeit welche man seinem fetten Leib niemals zugetraut hätte lenkte er seinen Leiterwagen in das Zypressenwäldchen wo er seine geheimen Suchplätze hatte. Auf den Leiterwagen würde er zuerst das Brennholz laden welches er Bruder Giuseppe in die Küche bringen würde. Perfektes Alibi. Brauchte ja nicht das ganze Kloster zu wissen, was der wahre Grund für seine morgendlichen Ausflüge in die Wälder rund ums Kloster Oliveto Maggiore waren. Wäre ja noch schöner, wenn der Abt oder womöglich die ganze Klostergemeinschaft von seinen Hobbys und deren Finanzierung erführen. Der Verkauf der gesammelten Trüffel und Steinpilze an Sienas Restaurateure warf nämlich einiges ab.

Und von den Hobbys von Fra’ Angelico sprechen wir jetzt nicht. Sie stehen nicht im Handbuch für fromme Klosterbrüder.
Munter pfiff Fra’ Angelico vor sich hin.
Unter der grossen Steineiche am Ende der Lichtung hatte er letzte Woche einen Trüffel von fast zweihundert Gramm gefunden. Mal schauen was uns heute so offeriert wird!

Holy Mushroom! Da lag einer auf den besten Pilzen. Wobei die Pilze frischer waren. Und besser dufteten. Aber den kenne ich doch! Vorsichtig drehte Fra’ Angelico die Leiche leicht seitlich. Kein Zweifel. Der war doch vor zwei Tagen zu Besuch bei ihm im Kloster. Und hatte keinen Zweifel offen gelassen, dass er in diskreter Mission hier weilte. Die abstehenden Ohren und das selbst im Tod aufgesetzte blöde Grinsen waren eindeutig. Vor ihm lag Bambi! Unverkennbar trotz der gewaltig deformierten Birne. Da hatte jemand sichergehen wollen, dass dieses Gehirn nicht zur Organspende missbraucht würde. Welche Sauerei! Die Pilze und Trüffel unter diesem Baum waren ungeniessbar, soviel stand fest.
Und schlagartig zeigte sich, dass Fra’ Angelico ein praktisch denkender Mensch war. Pilze und Trüffel waren vergessen. Diese Leiche will nicht in einem Wäldchen in der Toscana gefunden werden. Schon mal von den diplomatischen Verwicklungen abgesehen. Und ganz zu schweigen von der Tatsache, dass der Tote gar nicht offiziell hier war. Soviel hatte Angelico mitgekriegt vor zwei Tagen. Gut dass er den Leiterwagen dabei hatte! Und gut, dass der Tote ein Leichtgewicht war. Ja lieber Leser, das kannst du jetzt missverstehen wenn du willst. Solltest du aber nicht. Nun, auf alle Fälle hievte der Mönch den Leichnam auf seinen Wagen und zog diesen gemächlich in Richtung Kloster. Er pfiff allerdings nicht mehr gemütlich vor sich hin.


 

2. Kapitel

 

Spurenbeseitigung

 

Abt Jeremias war ein pragmatischer Mensch. Nach kurzer Rücksprache mit Avocato Corbinelli (ja auch Klöster brauchen heutzutage Anwälte) entschloss er sich, direkt den Questore anzurufen. Nur gut dass er seinerzeit mit diesem studiert hatte. Und somit einige Geheimnisse wusste. Welche eben besser geheim blieben. Dass der Questore umgekehrt auch einige Sachen von ihm wusste war ebenso normal. Auch Äbte sind Menschen. Manche mehr, manche wenige. Abt Jeremias eher mehr. Aber das gehört jetzt nicht hierhin.

Hat er ganz richtig gemacht, der kleine dicke Angelico. Rein schon als Akt der Nächstenliebe. Der Tote war ja schliesslich nicht irgendwer. So einen lässt man nicht im Wald liegen. Und nun lag er halt im Keller seines Klosters und wartete darauf, von den Angestellten des Questore fachgerecht entsorgt zu werden. Diplomatenpost kam ja hier wahrscheinlich nicht in Frage. Oder doch? Jedenfalls war Jeremias froh, dass der Questore rasche und unbürokratische Hilfe zugesagt hatte.
Aber hoffentlich schickte er ihm professionelle Angestellte und nicht diesen aufgeblasenen Stellvertreter, den Vice-Questore! Wobei, soviel musste Abt Jeremias zugeben, der vorliegende Fall rief geradezu nach den speziellen Fähigkeiten des Vice-Questore Brimbolioni. Welche, wie Leser der Pippo- und Lele- Geschichten wissen, nun nicht eben in der traditionellen Bearbeitung von Kriminalfällen liegen. Eher in der unorthodoxen. Sozusagen.

Folgendermassen. Abt Jeremias sehnte sich geradezu danach dass der umsichtige Vice-Questore mit der Bearbeitung dieser delikaten Angelegenheit betraut würde. Und somit ihn und sein Kloster aus der Schusslinie halten würde. Negative Publicity konnte er jetzt überhaupt nicht gebrauchen. Sonst war’s dann Sense mit der Berufung zum Kardinal.

Und Fra’ Angelico würde auch dichthalten. Der hatte ja auch einiges zu verbergen. Steckte sozusagen unter derselben Decke.

Und so kam es dann auch. Eines muss man Brimbusca nämlich lassen. Pompös war er vielleicht. Aber nicht dumm. Und wenn Questore Albonizzi-Quadrighi direkt und persönlich einen Gefallen erbittet schon gar nicht.
Kurz und gut: die Leiche war nicht mehr das Problem von Abt Jeremias. Sondern Gegenstand geheimer Absprachen einiger weniger eingeweihter Vertuscher. Nur gut dass man da so seine Verbindungen hat. Wozu sind denn alle diese Konferenzen und Seminare sonst gut?
Auf alle Fälle hatte seine Freund Filiberto beim Aussenministerium in Rom sofort gewusst, wen er in London anrufen musste. Und das Englische Aussenministerium hatte ohne zu zögern mitgespielt. Da soll mal einer behaupten, die Exzesse der Bürokratie wären besonders in Italien und in England unerträglich! Nicht wenn man die richtigen Strippen zu ziehen weiss. Befriedigt tätschelte sich Brimbusca seinen Bauch. Wenn das MI6 nur nicht einen dieser blasierten Dabbelou-Agenten zur Bereinigung der Lage sandte!

Nur jetzt weiterhin die Karten sorgfältig ausspielen!

 

3. Kapitel

 Corriere Di Siena

 Rätselhafter Schiffsbrand im Hafen von Livorno

Von unserem Maremma-Korrespondenten Luca Bastiani

 Gestern Abend brach aus bisher noch ungeklärten Gründen ein Feuer auf dem Frachtschiff La Colomba aus. Da die Besatzung des Frachters auf Landurlaub war, hatte das Feuer im Frachtraum wahrscheinlich einige Zeit schmoren können, ehe lodernde Flammen und beissender Rauch die Hafenpolizei alarmierten, welche umgehend die Hafenfeuerwehr auf den Plan reif. Bis diese eintraf, stand allerdings das ganze Schiff bereits in Flammen.
Gemäss Capitano Lustrinelli, dem zuständigen Feuerwehrkommandanten, konnte es nur noch darum gehen, das Ausbreiten des Feuers auf andere Schiffe zu verhindern.
Die La Colomba wurde ein Raub der Flammen.
Gemäss bisher noch nicht bestätigten Informationen wurde im Frachtraum des Schiffes eine völlig verkohlte Leiche gefunden. Ob es sich dabei um Kapitän Jacobi von der Colomba handelt, wird zurzeit im gerichtsmedizinischen Institut untersucht.
Gemäss Auskünften des Hafenamtes war die Colomba von einem reichen Sammler aus Hong Kong gechartert worden, um einige wertvolle Exponate seiner Sammlung zu transportieren.
Der Corriere bleibt am Ball und wird Sie, liebe Leser, weiter informieren in den nächsten Tagen.

 

 4. Kapitel

Ein toter Politiker

 
„Also Lele, was hast du heute morgen gemacht?“

„Es war gegen elf Uhr morgens, Mitte Oktober, ein Tag mit viel Sonne und klarer Sicht auf die Hügel des Chianti, Regen war nicht in Sicht. Ich trug meinen kobaltblauen Anzug mit dunkelblauem Hemd, Schlips und Brusttaschentuch, schwarze Masslederschuhe und schwarze Wollsocken mit dunkelblauem Muster. Ich war scharf rasiert, sauber und nüchtern -  egal nun, ob’s einer merkte. Ich war haargenau das Bild vom gutgekleideten Privatdetektiv. Ich wurde von zwanzig Millionen Euro erwartet.
Die Haupthalle des Palazzo Steccanini-Orelli war über zwei Stockwerke hoch. Über den Türflügeln, die eine Horde indischer Elefanten durchgelassen hätten, war auf einem breiten bunten Glasfenster ein Ritter in dunklem Harnisch bei der Errettung einer jungen Dame zu sehen, die an einen Baum gefesselt war und praktischerweise nichts weiter trug als eine Menge langes Haar. Der Ritter hatte kontaktfreudig sein Visier hochgeklappt und fummelte an den Stricken herum, mit denen die Dame an den Baum gezurrt war. Aber er kam nicht zu Rande. Ich stand da und überlegte, dass ich, wenn ich in dem Haus wohnte, früher oder später mal hinaufklettern und ihm zur Hand gehen müsste, denn so richtig Mühe schien er sich nicht zu geben.

Hinter den Glastüren an der Rückseite der Halle führte eine terracottabedeckte Freitreppe hinauf zu einer Galerie mit schmiedeisernem Geländer und einem weiteren Prachtstück bunter Glasfensterherrlichkeit. An den freien Wandflächen standen überall grosse, harte Stühle mit runden, roten Plüschsitzen. Sie sahen nicht aus, als ob schon je einer darauf gesessen hatte. In der Mitte der Westwand war ein grosser leerer Kamin mit einem Sandsteinportal, durch welches bequem ein Geländewagen hätte durchfahren können. Über dem Kaminsims hing ein grosses Ölportrait, und über dem Portrait hingen gekreuzt zwei kugelzerfetzte oder mottenzerfressene Kavallerie-Wimpel in einem Glasrahmen. Auf der Malerei posierte ein steifer Offizier in einer Gala-Uniform etwa aus der Zeit des Unabhängigkeitskrieges. Er sah aus, als wenn er Garibaldi persönlich gekannt hätte. Der Offizier hatte einen schnieken schwarzen Knebelbart, einen schwarzen Schnurrbart und heisse, harte, dunkelbraune Augen.

Ich schielte noch auf die heissen, braunen Augen des Portraits in der Halle, als weit hinten unter der Treppe eine Tür aufging. Es war der Butler. „Die Contessa will Sie nun sprechen, Signore“, sagte er mit ausdrucksloser Stimme. Wir gingen über die Freitreppe hinauf und der Butler zeigt mit ausgestrecktem Arm auf eine offene Tür und verschwand geräuschlos.
Dieses Zimmer war zu gross, die Decke war zu hoch, die Türen waren zu riesig, und der weisse Teppich, der von Wand zu Wand reichte, glich dem Neuschnee am Piz Mundaun. Der ganze Raum war voll von hohen Spiegeln und kristallenem Zeugs. Die elfenbeinfarbenen Möbel waren chrombeladen, die gewaltigen elfenbeinfarbenen Vorhänge kräuselten sich noch auf dem weissen Teppich. Durch das Weiss wirkten das Elfenbein schmutzig und das Weiss durchs Elfenbein tot. Hinter den Fenstern lagen die sanften Hügel im Abendlicht. Hoffentlich würde es doch bald regnen. Die Luft war drückend.
Ich setzte mich auf den Rand eines tiefen, weichen Sessels und blickte auf die Contessa. Sie war einen Blick wert. Sie war mehr als nur einen Blick wert. Sie war das pure Unheil. Sie lag ausgestreckt auf einer supermodernen Chaiselongue, die Slipper abgestreift, und ich starrte auf Beine in hauchdünnen Seidenstrümpfen. Wenn diese Dame Kontaktanzeigen aufgeben würde, würde sie als herausstehendes Merkmal ihre Beine angeben, schoss es mir durch den Kopf. Sie schienen zum Draufstarren arrangiert zu sein. Sie waren bis zum Knie sichtbar und eins noch ein ganzes Stück darüber. Die Knie, weder knochig noch spitz, hatten Grübchen. Die Waden waren makellos, die Fesseln so lang und schlank, dass ihre melodische Linie für eine ganze Tondichtung ausgereicht hätte. Sie war gross und kräftig und langgliedrig. Ihr Kopf lehnte an einem elfenbeinfarbenen Seidenkissen. Ihr Haar war braun und voll und gescheitelt, und sie hatte die heissen braunen Augen des Porträts in der Halle. Sie hatte einen schönen Mund und ein schönes Kinn. Sie hatte einen weichen Zug um die Mundwinkel und die Unterlippe war voll.
„Sie sind also ein Privatdetektiv. Ich dachte, die gäbe es nur in Büchern. Oder in Form kleiner, schmieriger Männer, die um Hotels herumschnüffeln“.
Das konnte mich nicht reizen, und so liess ich es vom Winde verwehn.
„Sie sind kein grosser Redner, stimmt’ s Signor Spadoni? Also, was gedenken Sie jetzt zu tun?
Ich neigte den Kopf zur Seite und grinste sie an. Sie wurde rot. Ihre heissen, braunen Augen waren voller Wut. „Ich wüsste nicht, was es da zu verbergen gäbe“, fauchte Sie. „Und ihre Manieren passen mir auch nicht!“
„Auf ihre bin ich auch nicht scharf“, sagte ich. „Schliesslich habe ich Sie nicht sprechen wollen. Sie haben nach mir geschickt. Von mir aus dürfen Sie gerne die feine Dame markieren. Sie dürfen mir auch gerne ihre Beine zeigen. Es sind prima Beine, und es ist mir ein Vergnügen, ihre Bekanntschaft zu machen. Sie können meine Manieren kritisieren. Sie sind ja auch schlecht. Ich habe an langen Winterabenden schon manche Träne darüber vergossen. Aber versuchen sie nicht, mich ins Kreuzverhör zu nehmen.“

„Sie bilden sich wohl ein, sie können Menschen behandeln wie dressierte Seehunde!“
„Gewöhnlich habe ich damit auch Erfolg.“
Sie schwang ihre Beine herum und stand mit feuersprühenden Augen und geblähten Nüstern vor mir. Ihr Mund war geöffnet, und ihre strahlenden Zähne blitzten mich an. Ihre Fingerknöchel waren weiss. „So spricht man nicht mit mir“, sagte sie heiser.
Ich blieb sitzen und grinste sie an.
„Die Englische Lady ist zufällig eine meiner besten Freundinnen. Ich will nicht, dass ihr etwas geschieht. Sie hatte in letzter Zeit eindeutig zu viele seltsame Besucher in ihrer Hotelsuite und man meldet mir, dass Sie und ihr Partner auch dazugehören. Die Eheleute Booth sind jeweils die persönlichen Gäste unserer Familie, wenn sie hier in der Gegend weilen“.
„Ob inkognito oder nicht“, warf ich ein, verzog aber weiterhin keine Miene.
„Tut das etwas zur Sache? Also, was führen Sie im Schild?“
Ich blieb weiterhin sitzen und grinste sie weiterhin an.
„Gott, sie sind ein ekliger, grosser, hübscher, brutaler Kerl! Man sollte ihnen einen Landrover an den Kopf werfen!“
Ich ging hinaus und von irgendwoher tauchte der Butler auf, um mich zur Tür zu begleiten.
„Sie haben sich geirrt“, sagte ich. „Die Contessa wollte mich gar nicht sprechen.“
Der Butler gab mir meinen Hut, drehte sich um, ging wortlos wieder hinein und schloss die Tür hinter sich.
Ich stand auf der Strasse „Lele, du brauchst jetzt einen Drink!“ knurrte ich und steckte eine Bolivar in Brand.

                                                           *****


„Lele, wie lange kennen wir uns nun? Sind doch einige Jahre, nicht? Wir wissen ja, dass du deinen Chandler gelesen hast. Also, was ist nun wirklich heute Morgen passiert? Wo bist du gewesen, fang noch mal an, My Dear Watson!“
„Wenn ich jemanden zitiere, so ist doch das nur mein Ausdruck rückhaltloser Bewunderung. Aber nun gut: So hat es sich wirklich zugetragen: Es war gegen neun Uhr und ich stand vor der Questura. Ich trug mein Lieblings-Jeanshemd und ein Paar 501er, braune Wildleder-Tods und meine Wayfarer. Die brauchte ich, um meine Augen vor der gleissenden Sonne zu schützen.“
„Du meinst, du hattest einen Hangover und ungeschützt hätten deine Augen das Tageslicht nicht ertragen?“
„Sag ich ja! Also ich stand da vor der Questura, reasonably sober, mit Dreitagebart und Kopfschmerzen, aber optimistisch. Ich war haargenau das Bild vom schlampigen Privatdetektiv. Ich wurde von hundert Kilo beleidigend impertinenter Arroganz erwartet.

Die Haupthalle der Questura war verstopft mit wuselnden Aufenthaltsgesuchstellenden aus allen Kontinenten, dazwischen standen einige Carabinieri, welche ihre Uniform zur Schau stellten. Mit welcher Grandezza man doch das Nichtstun zelebrieren kann, schoss es mir durch den Kopf. Hinter dem Empfangspult sass eine Frau. Sie stand langsam auf und kurvte mir in einem knappen, hautengen schwarzen Kleid entgegen. Sie hatte lange Schenkel und bewegte sich mit dem gewissen Etwas, das man in Buchläden nicht erleben kann. Sie war aschblond mit grünlichen Augen, getuschten Wimpern und leicht gewelltem Haar. Ihre Nägel waren silbern lackiert. Trotz ihrer Aufmachung sah sie nach verrauchter Bar aus. Eine Vorzimmerdame mit schmachtenden Augen, eine Veronica Lake wie sie Kim Basinger nicht besser hingekriegt hätte. Sie näherte sich mir mit genug Sex-Appeal, um eine gesamte Aufsichtsratssitzung zu sprengen und neigte den Kopf, um eine lockere, aber nicht sehr lockere Welle weich glänzenden Haares zu richten. Ihr Lächeln war verführerisch, konnte aber noch als freundlich durchgehen.“
„Können Sie ihre Gier noch zwanzig Minuten zügeln?“ knurrte ich. „Ich werde von Ihrem Chef erwartet. Aber das kann nicht lange dauern, er hat ja nie was Wichtiges zu sagen.“

„LELE!“

 

„Also gut: Am Empfangsschalter sass die übliche dickärschige und käsegesichtige Polizistin, welche mir bedeutete, dass mich der Vice-Questore bereits seit einer halben Stunde in seinem Büro erwartete.
Ich ging die Treppe hoch und pflanzte meine sympathische Erscheinung schwungvoll in Brimbuscas Büro. Du warst ja bereits da und den Rest kennst du ja.“

Ja, der Rest war bekannt. Antony Booth, der Englische Ex-Premierminister, war im Morgengrauen tot in einem Waldstück unweit vom Kloster Oliveto Maggiore aufgefunden worden mit eingeschlagenem Schädel und einem Loch in der Brust. Peng. Licht ausgeknipst.  Da er inkognito in unserm Land weilte und Gast eines ebenfalls inkognito anwesenden Sizilianischen Geschäftsmannes hier war, waren dem Questore die Hände gebunden und er hatte seinen Stellvertreter angewiesen, die Sache diskret anzugehen. Aber der Mord musste natürlich aufgeklärt werden. Wo käme man denn da hin, wenn auf dem offiziellen Erscheinungsbild des schönsten Gartens Europas plötzlich auch Mord und Totschlag auftauchen würden! Und erst noch mit einem prominenten Stammgast als Protagonisten!
„Sehen sie, meine Herren: hier ist Fingerspitzengefühl und Takt angebracht. Am liebsten würde ich deshalb ja selbst die Sache in die Hand nehmen, aber offiziell liegt hier gar kein Fall vor, die Leiche wurde ja zum Glück sofort entdeckt und diskret beiseite geschafft. Das Englische und unser eigenes Aussenministerium haben sich auf 48 Stunden Stillhalten einigen können. Der Verstorbene weilt ja zurzeit offiziell im Nahen Osten als Friedensstifter. Was gibt es da zu schmunzeln, meine Herren? Für Politikdiskussionen gehe in den Rotaryclub, da brauche ich mir ihre subversiven Ideen nicht anzuhören!

In diesem Dossier sind Informationen über das Landhaus, in welchem der Tote zu Gast war. Ebenso finden sie die Personalien der andern Gäste, sowie des Gastgebers. Wie sie aus den spärlichen Unterlagen ersehen können, wurde beim Toten ein Messer mit Spuren von mehrhundertjährigem Basalt gefunden, sonst ist uns nichts Auffälliges bekannt.
Bitte sondieren sie diskret und sprechen Sie etwaige Vernehmungen vorher mit mir ab. Man hatte ja gemunkelt, der Britische Ex-Premier wäre im Land. Aber die Tatsache, dass er inkognito bei uns weilte wurde auf den Umstand zurückgeführt, dass er Angst hatte, von unserm Ex-Premier nach Sardinien eingeladen zu werden. Nicht dass ihm das Proletenhafte missfallen hätte, im Gegenteil! Aber er scheint eine andere Sache verfolgt zu haben. Und heute Nachmittag um 5 Uhr werden Sie in der Chioccola-Suite des Hotels Intercontinental von der Witwe des Mordopfers zu einem halbstündigen Gespräch erwartet. Sie ist im Bild über den Zweck und die Hintergründe des Italienbesuchs ihres verstorbenen Gatten.
Also, viel Erfolg meine Herren! Und ich erwarte ihren täglichen Bericht!“

„Der kann ja richtig nett sein wenn er will!“ knurrte Lele, als unsere beiden Freunde aus der Questura traten und zum Campo runterschlenderten.
„Diesmal will er nicht, diesmal muss er“, erwiderte Pippo lakonisch. „Bambi war wieder einmal zu Gast bei uns. Und wie immer sind alle Informationen an Brimbusca vorbei gegangen. Und unser Vice-Questore leidet natürlich darunter. Und nun, wo etwas Brisantes passiert ist, sind ihm die Hände gebunden. So kommen wir beide wieder einmal zum Zug. Aber sag mal, als du vorhin von der Contessa Steccanini geflunkert hast, hast du erwähnt, sie hätte von Ihrer Freundin Cheryl erzählt. Hast du sie tatsächlich getroffen und gesprochen?“
Nun, nicht so wie ich’s erzählt habe. Aber die Contessa war gestern Abend auch in der Logge. Mann, die kann einen ganzen Stiefel vertragen! Und am Schluss hat sie eben etwas von seltsamen Besuchern ihrer Freundin und von einem schwarzen Vogel genuschelt. Aber da war sie so betrunken, dass ich dem keine grosse Beachtung geschenkt hatte. Sieht jetzt ein bisschen anders aus, nicht wahr?“
„In der Tat, in der Tat, mein Lieber Watson! Die Dame werden wir uns wohl noch vorknöpfen müssen. Sag mal, sind ihre Beine wirklich ein solcher Aufreger?“

 

5. Kapitel

Ein beunruhigender Telefonanruf

 

„Gutmann.“

„Professore Gaspare Buonuomo?“

„Yes, äh… Si.“ 

„Professore, wir sind gar nicht zufrieden!“

„Scusi, mit wem habe ich die Ehre?“

„Professore, das wissen sie ganz genau. Und sie wissen auch dass die Ehre ganz auf unserer Seite ist. Gewissermassen. Aber wenn sie auch ein Mann von Ehre sein wollen, dann verhalten sie sich auch so wie einer. Gewissermassen. Wir sind uns gewohnt dass unsere Geschäftspartner ihr Wort halten. Man hält das Wort welches man uns gegeben hat. Gewissermassen. Andernfalls……“

„Andernfalls?“

„Professore hören sie auf! Wir wissen beide dass sie uns nicht für blöd halten. Erstens weil wir es nicht sind. Zweitens weil sie dies wissen. Und drittens weil wir es uns gar nicht leisten können, für blöd gehalten zu werden. Und viertens weil wir dies auch nicht wollen. Gewissermassen.“

„Eh beh, allora?“

„Professore sie enttäuschen mich. Müssen wir wirklich deutlich werden? Wir haben sie für einen zivilisierten Menschen gehalten. Aber wenn sie es bevorzugen sind wir gerne bereit, ihnen eine kleine Demonstration der Effizienz und Unanfechtbarkeit unserer geschäftlichen Argumente zukommen zu lassen. Gewissermassen.“

„Ach hören sie doch auf! Was wollen sie denn? Mir zwecks Drohung die Luft aus den Reifen meines Autos lassen? Mit einem Schlüssel den Kotflügel zerkratzen? Hören sie doch auf!“

„Professore, sie scheinen den Ernst der Lage nicht zu begreifen. Kotflügel zerkratzen? Schon, aber doch nicht an ihrem Auto. Da würden wir uns doch eher an ihren Sekretär halten. Den sie ja als Sohn adoptiert haben. Luft rauslassen. Sicher. Aber nicht aus den Pneus ihres Autos. Eher aus Ihnen. War ich deutlich genug?“

„Nun ja, das ist drastisch. Aber was wollen sie denn von mir?“

„Allora Professore, zum mitschreiben. Aber nur einmal: sie haben unsere Dienste zwecks Auffindung einer wertvollen Schiffsladung aus Hong Kong gebucht. Wir haben ihnen die gewünschten Informationen geliefert. Wir lesen in der Zeitung dass das entsprechende Schiff gebrannt hat. Das Betreten von drei im Moment nicht namentlich zu erwähnenden Personen wurde von unserm Mittelsmann im Hafen Livorno gefilmt. Ebenso deren Verlassen des Schiffs fünf Minuten vor Ausbrechen des Brandes. Sie sehen, wir wissen unsere Investments zu schützen. Und nun wollen wir unsern Anteil. Und zwar bis heute Abend.  Ansonsten….“

„Scusi, welcher Anteil?“

„Professore, ich glaube meine geschäftliche Proposition war deutlich. Und klar. Bis heute Abend!“

„Scusi. Aber ich habe den Falken nicht!“

„Professore! Dies mag sein. Oder auch nicht. Bis heute Abend!“

„Bis morgen Abend?“

„Bis morgen Mittag. Unwiderruflich. Guten Tag Professore.“

Professore Gaspare Buonuomo lehnte sich erschöpft in seinem Sessel zurück und trocknete sich die schweissnasse Stirn mit einem weissen Taschentuch. Der Anrufer hatte nicht mehr ansonsten gesagt. Aber das war nicht mehr nötig gewesen. Der Professore hatte kapiert. Die Herren meinten was sie sagten. Deren gleichzeitiges Einquartieren im selben Hotel hatte also nicht nur zum Schutz von deren Interessen gedient, sondern auch dazu, ihn einzuschüchtern. Und er hatte diese Drohung nicht Ernst genommen. Und da dem Professore sein eigenes Leben mindestens ebenso wichtig war wie ein schnelles Geschäft, musste der verdammte Falke unbedingt her! Hoffentlich brachte der junge Wiliberto viel versprechende Nachrichten aus Siena mit! Buonuomo schenkte sich einen ordentlichen Schluck Whisky ein, verdünnte ihn aus der Siphonflasche (kein Witz, lieber Leser, solche Leute gibt’s) und strich sich gedankenverloren und verliebt über seinen Bauch. Die Luft rauslassen? So weit sind wir noch nicht, sagte er zu sich und richtete sich auf. Aber ein unsicheres Flackern war in seine kleinen Äuglein getreten. Nachdenklich nahm er einen grossen Schluck aus seinem Glas und wischte sich nochmals den Schweiss von der Stirn.


6. Kapitel

Die Witwe

 

Lele konnte sich nicht richtig konzentrieren. Cheryl Booth, die Witwe des Opfers, hatte einen Mund wie Lucy von den Peanuts! Es war für Lele nicht festzustellen, ob sie Trauer markierte, oder hatte, oder ob sie von Natur aus mit einem Mund wie zwei aneinander gereihte W hatte. Letzteres war der Fall, wie ihm sein Partner später erkläre sollte.
Faszinierend hing Lele an ihren Lippen und nahm dabei gerne in Kauf, die weit ausladenden Hüften vom Format einer gebärfreudigen Elefantenkuh zu übersehen.
„Tony war sozusagen in eigener Imagepflege hier“.
„Inkognito zwecks Imagepflege?“ Unsere beiden Freunde übten sich im Synchronsprechen.
„Lassen sie mich erklären. Mein Mann war nach seinem Rücktritt unterbeschäftigt.“
Und unterrepräsentiert, dachten Pippo und Lele. Aber das dachten Sie nur.
„Nun, Tony brauchte natürlich wieder eine Tätigkeit, nachdem er sein Amt seinem Nachfolger Morten Crown abgetreten hatte, diesem zögerlichen Hüter alles Insularen, diesem intellektuellen Zauderer und Großmaul! Das von Tony angestrebte Amt des Präsidenten der Weltbank, welches ihm ein zu Dank verpflichteter Freund aus Washington für seine unreflektierte Loyalität zuschanzen wollte, scheiterte daran, dass wir nicht Amerikaner sind. Und die Mission des Friedensstifters im Nahen Osten wurde von den über-intelligenten Europäischen Staatschefs torpediert. Und die Gutmenschen von der Uno haben auch kräftig mitgeholfen.“
Nicht alle Politiker sind Idioten, dachte Pippo und forderte sie auf weiterzufahren.
„Nun, Tony hatte sich in letzter Zeit mit Ahnenforschung beschäftigt. Er war besessen vom Gedanken, unter seinen Vorfahren könnten Kreuzritter, Tempelritter, oder ganz einfach, bedeutende Staatsmänner gewesen sein. Und damit würde er selbst natürlich auch endlich in den uns zustehenden Rahmen gerückt. Nur die Zugehörigkeit zu gewissen Kreisen würde es uns ermöglichen, sozusagen zum richtigen Club zu gehören, eine Selbstverständlichkeit und Ehre, welche uns schon viel zu lange verwehrt geblieben ist. Wie sollen wir denn in den Adelsstand erhoben werden wenn wir in gewissen Kreisen immer nur als Proleten betrachtet werden? Nun scheint er in einem alten Folianten tatsächlich auf eine Spur gestoßen zu sein, die Spur des Falken nannte er sie. Aber mein Sekretär kann ihnen mehr dazu sagen.“

Sie läutete mit einem kleinen Glöcklein und aus einer der Seitentüren schlenderte ein eleganter Dandy in die Suite. Er trug sein glänzendes schwarzes Haar kurz, seine Gesichtszüge waren hart und undurchsichtig. Sein gutgeschnittener Anzug saß ihm tadellos, seine Pferdelederschuhe waren offensichtlich hand- und massgefertigt. Lässig trat er zur Witwe hin.
„Dies ist James Blonnery, mein privater Sekretär. Er hat meinen Mann auf diese Mission begleitet. James ist Kurator des Kunsthistorischen Museums von Islington und spezialisiert sich auf mittelalterliche Geschichte. James, mix uns doch ein paar Drinks und bring unsere Gäste ins Bild!“
Gern, Mam! Nun, meine Herren, trinken sie ihren Wodka Martini geschüttelt oder gerührt?
„Schauen wir so aus, ab ob uns das interessierte?“ knurrte Lele. Pippo bedeutete Blonnery zu erzählen.
Dieser stellte vier nicht zu knapp gemixte Drinks auf ein Tablett und bediente alle Anwesenden. Er setzte sich neben die Gastgeberin aufs Sofa und begann.
„Mr. Booth hatte erwähnt, dass er bei seinen Recherchen auf die Spur eines wertvollen Vogels gestoßen war, welcher ihm bei seinen Bemühungen immens helfen könnte. Er meinte wohl, wenn es ihm gelingen würde, glaubhaft zu machen, dass die entsprechende Reliquie während Jahrhunderten im Besitz seiner Familie geschlummert habe, käme er entscheidend weiter in seinen Bemühungen. Und da solche Fetische mein Spezialgebiet sind, hatte ich mich anerboten, ihn zu unterstützen. Ich hatte erfahren, dass im November im Kloster Oliveto Maggiore eine Ausstellung wertvoller Paraphernalien aus der Kreuzritterzeit ausgestellt würde. Die Tatsache, dass die Austellungsleitung Professore Gaspare Buonuomo, den bekannten Tempelritterforscher von der Universität Palermo, hinzugezogen hatte, hatte mich sowieso fasziniert. Ich organisierte ein Treffen zwischen Mr. Booth und dem Professore in einem exklusiven Hotel in der Nähe des Klosters. Der Professore hält sich im Moment dort auf. Das Treffen fand offenbar statt. Mr. Booth hat mir danach berichtet, dass man die Lieferung einiger wertvoller Exponate für die Ausstellung erwarte, welche ein reicher Sammler aus Hongkong zur Verfügung gestellt habe. Diese Lieferung sollte in diesen Tagen im Hafen von Livorno eintreffen. Mehr hatte er mir nicht erzählt am Telefon. Seither ist unser Kontakt zu ihm abgebrochen und wir haben erst wieder durch den Questore von Siena von ihm gehört, leider nichts Gutes, wie sie ja inzwischen auch wissen.“ Er legte seine Hand kurz und leicht auf den Arm der Witwe und sah diese mitfühlend an.
„Und sie selbst waren bei dem Treffen nicht dabei? Pippo fragte so unschuldig wie nur er es konnte.
„Nun, nein, ich hatte andere Verpflichtungen zum Zeitpunkt“ erwiderte der Agent. Dass es sich um einen solchen handelte war für unsere beiden Freunde unübersehbar. Und das leichte Erröten der Witwe entging ihnen ebenso wenig wie die konstant wachsamen Augen des „Sekretärs“.

„Dann lassen sie mich mal zusammenfassen!“ Pippo schaute die Witwe herausfordernd an. „Ihr Mann hat von einer Falken-Initiation geträumt. Der Besitz dieses Rara Avis, zurechtgerückt als jahrhundertealter Familienbesitz, würde die Zugehörigkeit seines Geschlechts zu einem Britischen Ableger des Tempelritterordens belegen, ein Club, welcher für den armen Verstorbenen zu exklusiv gewesen ist bisher. Seine Familie würde aufsteigen vom Status bloßer Steigbügelhalter zum wahren Olymp wirklicher Rittergeschlechter. Ein direkter Nachfahre des berühmten Ritters Kunibert dem Heizbaren, ein Tempelritter also. Sozusagen Ahnenkosmetik zur Bekämpfung des eigenen Prolo-Images. Die richtigen Beziehungen, den Familienstammbaum der Familie Booth kreativ zu bearbeiten, hatte er zweifellos. Er brauchte sich also nur noch den Falken zu besorgen.“
Böse Zungen munkeln, dass nicht er, sondern seine Frau diese Mitgliedschaft will, dachte Lele. Aber dies dachte er nur.
„Meine Herren, ich verbitte mir diese Anzüglichkeiten!“ entrüstete sich die Walküre. Aber Ihre Entrüstung war nicht ganz ladylike und die wissenden Augen des Sekretärs bestätigte Lele, dass sein Freund einen Volltreffer gelandet hatte. „Aber den Kern der Geschichte haben sie offenbar erfasst. Nun, was können sie für mich tun?“
Lele nahm einen tiefen Schluck aus seinem Glas, stellte dieses übertrieben sorgfältig auf den Clubtisch und schaute die Witwe treuherzig aus seinen blauen Augen an. „Sie meinen, ob wir den Mörder ihres geliebten Gatten überführen können, nicht wahr?“
„Natürlich, was denn sonst? Was denken Sie denn?“ feixte diese. „Aber wenn sie auch diesen Falken beschaffen können, nun, ich denke, dieser steht mir wohl zu. Es wird das einzige Andenken an meinen armen verstorbenen Gatten sein und von mir immer hochgehalten werden!“
Und wird deinen Mann posthum in den Adelsstand erheben und somit dich selbst, du Herzchen, dachte Pippo, erhob sich und knöpfte seine Jacke zu. Lele erhob sich ebenfalls und sagte betont geschäftsmäßig: „Wir werden uns im Umfeld dieses Professore im Kloster Oliveto Maggiore umhören und erstatten Ihnen Bericht. Wir erhalten tausend Euro pro Tag plus Spesen.“
Er schaute der Englischen Walküre so lange trocken in die Augen, bis diese ihren Sekretär mit einem Kopfnicken anwies, ihr Scheckheft vom Tisch zu reichen. Sie setzte ihre Brille auf, nahm den von Blonnery gereichten Füllfederhalter und sagte gedehnt: „Ich engagiere sie einmal für vier Tage, Spesen rechen wir separat ab, genügt ihnen dies?“

„Für den Anfang wird’s reichen, knurrte Lele und steckte den Check ein. “Und eine Sache noch: wir wollen nicht, dass ihr Sekretär uns bei unsern Recherchen in die Quere kommt. Diskretion ist Ihnen doch wichtig, oder?“

Die Witwe hatte keine Wahl und nickte widerwillig. Die Augen von Blonnery hatten sich zu zwei gefährlichen Schlitzen verengt. Pippo und Lele verließen die Suite ebenso geräuschlos, wie sie diese vor einer halben Stunde betreten hatten  Als sie aus der Hotelhalle auf die belebten Bancchi di Sopra traten und zum Campo runterschlenderten, sagte Pippo: „Die hat ebenso wenig Skrupel, sich diesen Vogel widerrechtlich zu beschaffen wie ihr Mann. Und von übertriebener Trauer überhaupt keine Spur.“
„Genau, und dieser Blonnery könnte uns noch in die Quere kommen“, sekundierte Lele.
Aus dem Torbogen der Monte Paschi Bank löste sich ein kleiner levantinisch aussehender Mann und heftete sich scheinbar unbeteiligt an ihre Fersen. Aus dem Eingang des Café Nannini trat ein junger Schnösel und folgte dem Levantiner in einigem Abstand.

 

7. Kapitel

Besuch im Detektivbüro

 

Als Pippo am späten Nachmittag zu den Büroräumlichkeiten des Hauptsitzes der Detektivfirma Marlotti und Spadoni hochstieg, wartete eine nicht alltägliche Erscheinung vor der Bürotür. Sie hielt ihm eine parfümierte Visitenkarte hin. Noel Gizeh, Handel mit seltenen Erstausgaben und Skulpturen stand drauf.
Mr. Noel Gizeh war ein zartknochiger, dunkelhäutiger Mann von mittlerer Größe. Sein Haar war schwarz und glatt und sehr glänzend. Seine Gesichtszüge waren levantinisch und seine Bewegungen waren affektiert wie die eines sozialdemokratischen Bundesrats. Ein quadratisch geschliffener Rubin, eingefasst von vier Stabdiamanten, funkelte auf dem tiefen Grün seiner Krawatte. Sein schwarzes Jackett, eng über den schmalen Schultern geschnitten, sperrte ein wenig über den etwas fülligen Hüften. Seine Hosen saßen strammer um die rundlichen Beine, als es die gegenwärtige Mode vorsah. Die Oberteile seiner Lackschuhe steckten unter rehbraunen Gamaschen. In einer wildlederbehandschuhten Hand hielt er eine verwegene Hutkreation. Mit kurzen, abgehackten, hüpfenden Schritten wie ein Benissimomoderator kam er auf Pippo zu. Der Duft von Chypre wehte vor ihm her.
Pippo nickte seinem Besucher zu, öffnete die Tür zum Büro mit dem Schlüssel, deutete mit dem Kopf auf einen Sessel und sagte: „Setzen sie sich, Mr. Gizeh.“
Gizeh verbeugte sich kunstvoll über seinen Hut hinweg, sagte mit hoher, dünner Stimme: „Ich danke ihnen“ und setzte sich mit affektierten Bewegungen. Er überkreuzte die Füße, legte den Hut auf die Knie, und begann, die gelbbraunen Handschuhe abzuziehen.
Seine dünne Fistelstimme war die Liebenswürdigkeit in Person: „Man sagt mir, sie sind ein Mann von Diskretion, Signor Spadoni“, flötete er.
„Signor Spadoni ist mein Partner“ entgegnete Pippo und deutete auf Lele, welcher eben durch die Tür trat. „Ich bin Signor Marlotti und bin sogar noch diskreter, wenn das überhaupt möglich ist. Was kann ich für Sie tun, Mr. Gizeh?“
Pippo zündete sich eine Toscano an und lehnte sich in seinem Bürostuhl zurück.
„Nun, mein Verehrtester, wohlan denn!“ Noel Gizeh war erregt. Seine dunklen Augen schienen nur aus der Iris zu bestehen, und seine mit hoher, dünner Stimme gesprochenen Worte sprudelten nur so heraus.
„Wie viel, mein Verehrtester, wären ihre Dienste wert, wenn Sie einen bestimmten Gegenstand statt für die Englische Walküre für mich beschaffen würden? Die Angelegenheit wäre für Sie finanziell ganz sicher nicht zum Schaden.“
„Wer sagt denn, dass ich für eine Engländerin einen Vogel besorgen soll, darum geht’s ihnen doch, oder?“
Wenn der Levantiner verblüfft war, konnte er seine Überraschung gut verbergen. „Versuchen Sie nicht, mich für dumm zu verkaufen! Wir sind über ihre Schritte genau im Bild. Und über diejenigen ihres Partners. Also nochmals. Wie viel kosten ihre Dienste? Und bis wann können sie den Vogel beschaffen?“
Pippo ließ sich seine Erregtheit nicht anmerken. Das ging ja schneller als erwartet!
„Also gut, wir waren zu Besuch bei der Englischen Lady. Und, na gut, wir haben auch über seltene Antiquitäten gesprochen. Sagen wir mal, es wäre tatsächlich in unsern Möglichkeiten, den Vogel zu beschaffen. Wie viel würden Sie denn dafür bezahlen? Und versuchen sie jetzt nicht, uns für dumm zu verkaufen!“
„Ich wäre ohne weiteres bereit, eine ordentliche fünfstellige Summe dafür zu bezahlen“, erwiderte der Levantiner.
„Sie wollen uns also tatsächlich für dumm verkaufen“, mischte sich nun Lele ins Gespräch. Er hatte sich in der Zwischenzeit eine Bolivar angezündet und blies den Rauch angewidert in Richtung ihres Gastes. „Sie wissen ganz genau, dass dieser Gegenstand mit Sicherheit sechsstellig wert ist. Haben sie überhaupt so viel Geld?“
„Nun, nicht dabei, natürlich. Aber wenn Sie sich morgen Abend mit mir in meinem Hotel treffen wollen, bin ich ohne weiteres in der Lage, sie vom Vorhandensein des Geldes zu versichern. Und von der Ernsthaftigkeit meines Angebots.“
Sofern sie dieses in angemessener Weise nach oben schrauben“, erwiderte Lele. Im Moment vergeuden sie nur unsere Zeit“. Er stand auf und hielt ihrem Besucher die Tür offen.
Gizeh erhob sich ebenfalls, tänzelte zum Schreibtisch von Pippo und flötete: „Ich bin im Relais „La Mostrosità“ bei Chiusure erreichbar. Und mein Angebot ist ernsthaft gemeint gewesen. Aber es gilt nicht unbeschränkt, andere Personen sind ebenfalls hinter der Figur her. Und sie haben recht, sie sind tatsächlich diskreter als ihr Partner. Und nicht nur dies!“ Er drehte sich um und stöckelte an Lele vorbei, ohne diesen eines Blickes zu würdigen.
Lele blies ihm den Rauch seiner Zigarre hinterher und schloss die Tür. „Tut mir leid, aber ich musste ihn einfach rauswerfen. Er ist mir dermaßen auf den Sack gegangen mit seiner Affektiertheit!“
„Schon gut, heute hätten wir ja eh nicht mehr aus ihm rausgeholt. Und wir wissen ja, wo wir ihn erreichen können.“
„Genau. Sicher kein Zufall, dass der Sizilianische Professor ebenfalls dort wohnt. Gut geblufft hast du übrigens, Kompliment!“
„Du aber auch, erwiderte Pippo und schenkte beiden einen Lagavulin ein.

Nachdenklich standen sie am Bürofenster und blickten ihrem seltsamen Besucher nach, welcher mit geschäftigen Schrittchen über den Campo hetzte und in der Via del Porrione verschwand. Aus dem Dunkel des Portals des Palazzo Publico löste sich ein junger Mann und heftete sich an die Fersen des Levantiners.
„Ich werde morgen Vormittag mal in die Bibliothek der Historischen Fakultät gehen und mich ein bisschen über Kreuz- und Tempelritter und wertvolle Vögel schlau machen. Kann nicht schaden wenn wir dem Sizilianer nicht unvorbereitet begegnen morgen. Ich glaube, unsere Freundin Caterina ist immer noch Assistentin dort.“
„Na dann, viel Vergnügen“, meinte sein Partner und formte mit beiden Händen eine unmissverständliche Geste.

 

8. Kapitel

In der Bar Osteria Liberamente

Als Pippo am frühen Abend über den Campo schlenderte, sah er den jungen Burschen, der Gizeh beschattet hatte, vor der Osteria Liberamente sitzen. Anscheinend las er eine Zeitung.
Pippo steckte sich gemütlich eine Toscano an, schlenderte gemächlich zum Liberamente rüber und setzte sich auf einen Stuhl direkt neben den jungen Mann, der die Zeitung zu lesen vorgab.
Der junge Mann blickte nicht von seinem Blatt auf. So aus der Nähe sah er auf jeden Fall jünger als zwanzig Jahre aus. Sein Gesicht war schmal, wie sein ganzer Körperbau, und ebenmäßig geschnitten. Seine Haut war sehr hell. Kein nennenswerter Bartwuchs oder durchschimmerndes Blut trübte das Weiß seiner Wangen. Seine Kleidung war die verbreitete Uniform der Boutique- und Modesüchtigen, jedoch weder von überdurchschnittlicher Qualität noch zeugt sie von besonderem Geschmack oder Stilbewusstsein ihres Trägers. Die ganze Gestalt so quasi eher eine Zwischenstufe der Evolution.
„Wo ist er?“ fragte Pippo beiläufig, während er seiner Toscano Feuer gab.
Der Junge senkte seine Zeitung und sah sich um, mit einer so absichtsvollen Langsamkeit, als verberge er dahinter seine natürliche Flinkheit. Mit kleinen, haselnussbraunen Augen unter recht langen, geschwungenen Wimpern blickte er auf Pippos Brust. Mit einer Stimme, genau so farblos, zurückhaltend und kalt wie sein junges Gesicht, fragte er: „Was?“
„Wo ist er?“ Pippo war mit seiner Toscano beschäftigt.
„Wer?“
„Der Homo.“
Die Haselnussaugen ließen ihren Blick von Pippos Brust zu seinen Wildlederschuhen hinunterwandern und dort verharren. „Was haben sie eigentlich vor, sie Heini?“ fragte der Junge. „Mich auf den Arm nehmen?“
„Wenn ich das will, wird ich’s dir schon sagen.“ Pippo zog genüsslich an seiner Toscano und lächelte dem Jungen freundlich zu. „Bist aus Florenz, nicht wahr?“
Der Junge starrte auf Pippos Schuhe und schwieg. Pippo nickte, als hätte der Junge ja gesagt und blies ihm den Rauch seiner Toscano ins Gesicht.
Der Junge starrte noch einen Augenblick auf Pippos Schuhe, hob wieder seine Zeitung und wendete ihr seine gesamte Aufmerksamkeit zu. „Schieben sie ab!“ quetschte er aus dem Mundwinkel.
Pippo blies genüsslich eine weitere Toscanorauchschwade über das Gesicht des Jungen und lächelte diesem weiterhin fröhlich zu.

Der Junge ließ rasch seine Zeitung sinken, wandte sich Pippo zu und starrte mit haselnussbraunen, eisigen Augen auf dessen Kragen. Die kleinen Hände des Jungen lagen flach ausgebreitet auf seinem Bauch. „Wenn sie’s unbedingt haben wollen, wird ich’s ihnen schon besorgen“, sagte er, „jede Menge!“ Seine Stimme war leise, dumpf und drohend. „Ich hab ihnen gesagt, Sie sollen abschieben. Schieben Sie ab!“
Pippo wartete bis Marcello, der Kellner, und ein dünnbeiniges blondes Mädchen, mit dem dieser flirtete, außer Hörweite waren. Dann lachte er leise in sich hinein und sagte: „Auf der Piazza della Signoria würdest du damit einen Bombenerfolg haben. Aber hier bist du nicht in deinem Heimatdorf. Das hier ist meine Burg.“ Er inhalierte Zigarrenrauch und blies ihn in einer langen, blassen Wolke aus. „Also, wo ist er?“
Der Junge sagte vier kurze einsilbige Worte, deren letztes mit A anfing.
„Manche Leute haben durch solche Reden schon ihre Zähne verloren.“ Pippos Stimme klang noch immer liebenswürdig, aber sein Gesicht war zu einer hölzernen Maske erstarrt. „Wenn du dich weiter hier rumtreiben willst, musst du fein höflich bleiben.“
Der Junge wiederholte seine vier Worte.
Pippo machte sich mit erhobener Hand dem Kellner bemerkbar, der an der Tür des Lokals lehnte. Der Mann nickte und schlenderte langsam zu ihnen rüber. „Hallo Pippo“ sagte er beim Nähertreten.

„Hallo Marcello.“

Sie schüttelten sich die Hände und Pippo deutete mit dem Kopf auf den Jungen, der neben ihm saß. „Wieso lässt ihr diese billigen Revolverhelden hier in eurem schönen Lokal rumlungern, wo man doch schon sehen kann, wie ihr Werkzeug ihnen die Taschen ausbeult?“
„Tatsächlich?“ Marcello musterte den Jungen mit plötzlich hart gewordenen Gesicht. „Was sucht du hier?“ fragte er.
Der Junge stand auf. Pippo stand auf. Der Junge musterte die beiden Männer, sah von einem zum andern. Vor den beiden sah der Bursche wie ein Schuljunge aus.
Marcello sagte: “Also wenn du hier nichts zu suchen hast, kratz die Kurve und lass dich hier nicht wieder sehen!“
Der Junge sagte: „Euch zwei werde ich mir merken! Und ging auf den Campo hinaus.
Sie sahen ihm nach. Pippo wischte sich mit seinem Taschentuch über die feuchte Stirn.

Marcello fragte: „Worum geht’s denn?“

„Wenn ich’s wüsste wär’s mir wohler“, erwiderte Pippo und trat ebenfalls auf den Campo hinaus.

 

9. Kapitel


Ungewollter Zimmerservice

„Zimmerservice.“

Noel Gizeh hatte das Klopfen gehört. Bestellt hatte er nichts, da war er sicher. Vielleicht eine Aufmerksamkeit des Hauses. Weil er ein solch angenehmer Gast war. Und Eitelkeit als auch Vorsicht waren zwei Tugenden des Noel Gizeh. Eitelkeit allerdings ein bisschen mehr. Und so öffnete er seine Zimmertür.
Was natürlich ein Fehler war.
Ehe er sich’s versehen konnte fand sich Gizeh, einen Kleiderbügel zwischen Schultern und Jackett geklemmt, an einem Haken seiner Garderobe baumelnd aufgehängt. Eine steinharte Hand hatte sich auf seine Kehle gelegt. Nicht etwa dass sie besonders stark zudrückte. Das war bei Noel Gizeh auch nicht nötig wie der sich schnell ausbreitende Fleck vorne an seine Hose schnell deutlich machte.
„Nun schau dir doch mal die Schwuchtel an, macht sich gleich in die Hose!“
Der Mann hatte einen nach Knoblauch riechenden Atem. Seine Visage war allerdings schon furchterregend wenn er den Mund nicht aufmachte.

„Was wollen sie von mir?“ stammelte der gebeutelte Levantiner.
„Pass auf du Tunte. Das werde ich dir sagen. „Du gehst uns auf den Keks. Überall steckst du deine Nase rein. Sämtliche Gäste dieses Hotels beschnüffelst und bespitzelst du. Und da wir selbst auch Gäste dieses Hauses sind, missfällt uns das.“

„Aber sie bespitzle ich doch gar nicht“, stammelte Gizeh. Mühsam bemühte er sich, einigermaßen souverän zu klingen. Was natürlich ein untauglicher Versuch war.

„Ich erklärs dir. Du verfolgst und beobachtest Leute, an welchen wir ein Interesse haben. Und mein Chef sagt, dass du mit Sicherheit hinter demselben Gegenstand her bist wie wir. Und da hast du eben dein Problem. Du wirst diesen Gegenstand niemals kriegen.“

„Und warum nicht, wenn ich fragen darf? Schließlich bin ich Kunstsammler und seit bald 20 Jahren hinter dem Vogel her“. Gizeh hatte allen Mut zusammengenommen.

„Ich sag dir warum nicht. Weil mein Chef ihn will. Und mein Chef, das heißt wir, wir kriegen im Normalfall das was wir wollen. Und wir haben hier den Normalfall. So ist das. Capisc?“
Die anschließende Ohrfeige war nicht mehr wirklich notwendig gewesen. Gizeh hatte bereits stumm genickt und zweimal leer geschluckt.

„Pass auf du Schwächling. Wir sind ja keine Unmenschen. Wir lassen dir drei Möglichkeiten. Du darfst frei wählen.
Erstens. Du verschwindest noch heute aus diesem Hotel und lässt dich nie mehr in dieser Gegend blicken. Und kommst uns nie mehr in die Quere. Wir haben nichts gegen dich. Und lassen dich leben.
Zweitens. Du findest den Vogel und bringst ihn augenblicklich zu uns. Wir haben auch nichts gegen dich. Und lassen dich leben.
Drittens. Du hast eben jetzt nicht sorgfältig zugehört und wählst weder Variante eins, noch Variante zwei. In diesem Fall haben wir etwas gegen dich.“
„Und?“ Gizehs Stimmchen war zu einem armseligen Flüstern verkommen.
„Nichts und. Eben nichts. Verstehst du?“

Der hässliche Sizilianer brauchte sich nicht mehr umzudrehen um zu sehen, dass Gizeh nickte. Vorsichtig allerdings. Schließlich hing er immer noch quasi am Kleiderbügel.
Krachend fiel die Tür hinter dem Mafioso ins Schloss. Der dunkle Fleck vorne an Gizehs Hose wurde noch ein bisschen größer.


 10. Kapitel

Unterwegs über die Crete Senese

 

Pippo steuerte sein altes Lancia-Cabrio gemütlich über die Via Lauretana. Der Besuch im mysteriösen Landgasthof in den sienesischen Kreten gab ihm wieder einmal Gelegenheit, durch diesen spektakulären Landstrich zu cruisen. Die weich gewellten rollenden Hügel waren jetzt im Herbst absolut kahl. Vereinzelte Steinbrocken in der überall frisch gepflügten grauen Erde glitzerten im flach einfallenden Sonnenlicht. Einzelne Zypressen wechselten mit einsamen Bauernhöfen auf den umliegenden Hügeln ab. Das Verdeck seiner Fulvia war runtergeklappt und der Rauch seiner Toscano flatterte mit seinem Schal um die Wette im Fahrtwind. Sein Partner schlief wie ein Embryo im Beifahrersitz. Der Himmel war klar und von einem leuchtend-metallischen Blau. Keine Wolke störte die Postkartenidylle.
Als er an der Pievina vorbeifuhr murmelte Pippo „Wenn wir heute in Chiusure rechtzeitig mit der Arbeit fertig werden, könnten wir wieder einmal so richtig ländlich und sittlich bei Mirella essen!“
„Mit tut noch der Bauch weh vom letzten Mal, aber recht hast du“, nuschelte das Murmeltier vom Beifahrersitz. Lele hatte nicht geschlafen und war bei der Erwähnung eines möglichen Festmahls in der Pievina natürlich sofort hellwach. Jetzt musst du nämlich wissen: die Mirella im kleinen Restaurant La Pievina mitten in den Crete Senese war eine Institution. Seit dreißig Jahren führte sie das kleine Fischrestaurant zusammen mit ihren Schwestern. Ihr Mann und mittlerweile ihr Sohn mussten seit einigen Jahren regelmäßig an einigen Abenden aushelfen weil sich die liebenswürdige Wirtin schon längst über das Geheimtipp-Niveau hinausgearbeitet hatte. Regelmäßig um Punkt Acht Uhr abends öffnete sie die kleine Tür zum Restaurant und geleitete die Gäste an ihren Tisch. Der Speisesaal ist proppenvoll dekoriert mit Gegenständen, Zierrat, Bildern, Werkzeugen und allerlei Krimskrams, welcher jedes andere Etablissement zum Kitschparadies degradiert hätte. Nicht so hier. Stimmung und Einrichtung des Lokals ergänzten die genuine Freundlichkeit der Wirtin aufs hervorragendste. Mit breitem Lächeln erklärte sie an jedem Tisch, dass man keine Speisekarte habe, sondern einfach das angebotene Menu des Tages genießen werde. Auf die Frage, ob man das Fleisch-Menu, das Vegetarische Menu, oder das Fisch-Menu wolle, erwidert der Habitué: „Gerne das Fischmenu!“, wohl wissend, dass es nur das eine, nämlich das Fisch-Menu gibt. 5 Minuten später, eine Flasche Wein und eine Flasche Wasser wurden seither unaufgefordert auf den Tisch gestellt, wird der erste Gang aufgetischt: ein Salat mit feinsten kleinen Tintenfischchen. Und so geht es weiter: alle 10 Minuten kommt eine neue kleine Schüssel mit Köstlichkeiten aus dem Meer. Mal sind es kleine Seeschnecken in einem würzigen Pesto, mal mit Gemüsen gegrillte Langustinen, überhaupt Crevetten aller Art, mindestens vier verschiedene Zubereitungsarten von Tintenfisch werden gereicht, und all dies mit dem umwerfend herzlichen Lächeln von Mirella.

Die angebotene Ware ist frisch und die jeweilige Zubereitungsart so wie man eben gutes Essen erwartet: ohne Schnörkel, einfach gut. Was heißt gut: sensationell! Jeder einzelne Gang. So circa um viertel vor zehn streicht sich der Gast genüsslich über den prallen Bauch und ruft die Wirtin: „Mirella, bitte bringen sie uns zwei Grappa, und anschließend zwei Café und die Rechnung!“
Worauf Mirella mit gespielter Entrüstung deklamiert:“ Aber Signore, wir werden jetzt dann eben mit den Vorspeisen fertig und die Primi Piatti kommen erst noch!“
Resigniert, aber erwartungsvoll stopft man sich die Serviette wieder ins Hemd und harrt der Dinge. Drei dampfende Riesenschüsseln werden gereicht: der Primo. Spaghetti allo Scoglio, handgemachte Gnocchi mit Steinpilzen und ein feinster Riso al Profumo di Mare wetteifern um die Gunst des Gastes, welcher begriffen hat, dass er nunmehr die Waffen strecken muss und sich der Wirtin ergeben hat. Seine neuerliche Aufforderung um Viertel nach Zehn nach einem Verdauungsschnaps, Kaffee und der Rechnung wird nur noch mit mitleidigem Lächeln quittiert, die Show geht weiter. Der Secondo ist die Spezialität des Hauses: ein halbes Dutzend Riesencrevetten, gegrillt und anschließend an einem Galgen präsentiert (sechs L-förmige Holzstecken in einem runden Stein gesteckt, die Crevetten wie Erhängte baumelnd) werden klaglos akzeptiert. Galle, Leber und Magen zwicken bereits gefährlich, als die Wirtin einen Wagen mit 6 Riesendingern von Kuchen an den Tisch fährt, dem Gast ein großes Messer in die Hand drückt und ihn freundlich einlädt, sich doch grad selbst zu bedienen. Jetzt kommt es auch nicht mehr darauf an, und der inzwischen gereichte selbstgemachte Rhabarberschnaps hat doch tatsächlich ein kleines Kapazitätsloch im Magen freigeschaufelt. Regelmäßig nach Mitternacht wankt man dann aus der Pievina raus und während der Heimfahrt über die sanften Hügel der Crete Senese stöhnt man in jeder Kurve und schwört, in den nächsten 3 Tagen keinen Bissen zu sich zu nehmen.
So geht das.
Und mit der Vorfreude auf einen gelungenen Abend bei Mirella gehen unsere Freunde hochmotiviert ans Tageswerk  „Schauen wir uns mal diesen Professor aus Sizilien an und take it from there, schlägt Pippo vor, als er die Fulvia vor dem edlen Landgasthof parkiert. La Mostrosità war das typische Beispiel neuer Renovierungsarchitektur des beginnenden dritten Jahrtausends in der Toscana. So quasi das unvermeidliche Resultat, wenn zuviel Geld und zu wenig Geschmack und Respekt vor Gewachsenem und Hergebrachtem aufeinander treffen. Formal alles richtig, teure Materialien, auf den ersten Blick stimmig einander ergänzende Formen, Gebäude und Gärten. Letztere maniküriert wie eine Societylady, erstere so perfekt renoviert oder nachgebaut, dass sie wie klinisch tot wirken. Die Höhe der Dächer und die Dimensionen von Fenstern und Türen wurden regelmäßig in kavalierhafter Auslegung der Bauvorschriften übermäßig strapaziert, so dass die Proportionen nichts mehr mit dem sprichwörtlichen Ideal der seit der Renaissance zu Recht hochgelobten toscanischen Baukunst vergleichbar ist. So nach dem Motto: was brauche ich Stil und Geschmack wenn ich Geld habe?

Angebotener Service und Komfort im Innern dieser Hotels sind allerdings sehr häufig von ausgesuchter Qualität, so sicher auch im vorliegenden Fall. Und da es ja, wie du weißt, lieber Leser, genügend Gäste gibt, welche sich in der abscheulichsten Monstrosität wohlfühlen, solange das Angebotene der Luxuskategorie zugerechnet wird, haben auch solche Hotels eine ganz anständige Auslastung. Obwohl sie diese nicht unbedingt brauchen würden, dienen sie doch sowieso meistens der Geldwäsche und müssen nicht unbedingt profitabel arbeiten.
Doch dies ist eine andere Geschichte.

 

 11. Kapitel

Der Dicke Mann

Die Nussbaumtüre der Suite Camollia im Hotel „La Mostrosità“ wurde vom Jungen geöffnet, mit dem Pippo im Liberamente gesprochen hatte. „Hallo!“ sagte Pippo freundlich. Der Junge gab keine Antwort. Er trat beiseite und hielt die Tür auf.
Pippo und Lele gingen hinein. Ein fetter Mann kam ihnen entgegen.
Der Mann wabbelte vor Fett, hatte knollige rosige Backen, wulstige Lippen, Doppelkinn und Halsfalten, sowie Bauch und Rumpf wie ein großes weiches Ei, an dem je zwei Zylinder als Arme und Beine steckten. Als er auf Pippo und Lele zukam, hüpften und vibrierten alle seine Falten und Wülste bei jedem Schritt auf und nieder wie ein Haufen Seifenblasen, die sich noch nicht vom Blasrohr gelöst haben. Seine von Fettpolstern rundum eingezwängten und verkleinerten Augen waren dunkel und glänzend. Schwarze Ringellöckchen  bedeckten spärlich seinen breiten Schädel. Seine Stimme war ein kehliges Schnurren. „Ah meine Herren“, sagte er begeistert und streckte seine Hand aus, die wie ein fetter rosiger Stern aussah.
Pippo ergriff die Hand, lächelte und sagte: „Sein sie mir gegrüßt Signor Buonuomo.“
Indem er Pippos Hand festhielt, trat der fette Mann zwischen unsere beiden Helden, legte die andere Hand an Leles Ellbogen und führte unsere beiden Freunde über einen grässlichen grünen Plüschteppich zu zwei ebenfalls grünen Plüschsesseln neben einem Tisch, auf dem sich ein Siphon, ein paar Gläser und eine Flasche Lagavulin auf einem Tablett befanden sowie eine Kiste Zigarren – Cohiba Siglo Nr. IV - , zwei Zeitungen und eine kleine, einfache Schatulle aus grüner Jade.
Pippo und Lele setzten sich. Der fette Mann machte sich daran, drei Gläser aus der Flasche zu füllen, und, bevor Lele abwinken konnte, auch aus dem Siphon. Der Junge war verschwunden.
„Wir fangen gut an“, schnurrte der fette Mann, während er sich umdrehte und seinen Besuchern ihre Gläser entgegenhielt. „Ich misstraue einem Mann, der beim Einschenken „genug“ sagt. Wenn er sich vorsieht, nicht zuviel zu trinken, dann deswegen weil man ihm nicht trauen kann, wenn er’s tut.“ Lele nahm sein Glas, lächelte und machte eine angedeutete leichte Verbeugung darüber hinweg. Pippo hob sein Glas und sagte: „Auf offenes Sprechen und gute Verständigung!“ Sie tranken und senkten ihre Gläser.

Buonuomo ließ sich in seinen Sessel fallen. Seine Faltengebirge hörten zu hüpfen auf und sanken in eine schlaffe Ruhestellung. Er stöhnte behaglich und sagte: „Und nun, meine Lieben, wollen wir reden, wenn’s ihnen recht ist. Und ich sage ihnen frei heraus, dass ich ein Mensch bin, der gern mit jemand redet, der auch gern redet.“

„Prima. Wollen wir über den schwarzen Vogel reden?“

Der fette Mann lachte und seine Speckfalten ritten auf seinem Lachen auf und ab. „Wir wollen. Aber zuerst beantworten sie mir eine Frage, auch wenn sie überflüssig erscheinen mag, nur damit wir uns von Anfang an richtig verstehen: Sind sie hier als Mrs. Booth’s Vertreter?“
Pippo betrachtete mit nachdenklichem Gesicht seinen Whisky. Er antwortete bedächtig: „Dazu können wir weder ja noch nein sagen. Bis jetzt ist das keineswegs sicher.“ Er blickte zu dem fetten Mann auf und sagte: „Das kommt darauf an.“

„Und worauf kommt es an?“

Lele schüttelte den Kopf. „Wenn mein Partner dies wüsste, könnte er was dazu sagen.“
Der fette Mann nahm einen kräftigen Schluck aus seinem Glas und schlug vor: „Vielleicht kommt es ja auf Noel Gizeh an?“
Pippos promptes „Vielleicht“ war völlig nichtssagend. Er nahm ebenfalls einen Schluck.
Der fette Mann beugte sich vor, bis sein Bauch ihm Einhalt gebot. Sein Lächeln wie seine schnurrende Stimme waren einschmeichelnd: „Man könnte also sagen, dass sich die Frage stellt, wen von beiden sie vertreten wollen?“
„So könnte man es sagen.“
„Jedenfalls wird es einer von den beiden sein?“
„Das haben wir nicht gesagt“.
Die Augen des fetten Mannes glitzerten. Seine Stimme sank zu einem kehligen Flüstern: „Wer käme sonst noch in Frage?“
Lele deutete mit dem Finger auf Pippo. „Wir sind ja auch noch da“, sagte er.
Der fette Mann sank in seinen Sessel zurück und entspannte sich. „Fabelhaft, meine Lieben“, schnurrte er. „Einfach fabelhaft. Mir gefällt ein Mann, der geradeaus sagt, dass er auch an seinen eigenen Vorteil denkt. Tun wir das nicht alle? Er griff zur Zigarrenkiste und hielt sie seinen Gästen entgegen.
Pippo nahm die vom Buonuomo angebotene Siglo IV, bohrte sorgfältig ein Loch und zündete sie umständlich an. Er blies genüsslich den Rauch über den Kopf des fetten Mannes und sagte: „Gut, dann lassen sie uns über den Vogel reden!“

Der Sizilianer lächelte wohlwollend. „Also gut“, sagte er, „wir wollen!“. Er kniff die Augen zusammen, so dass sie bis auf zwei dunkle glänzende Pünktchen zwischen den Fettpolstern verschwanden. Er beugte sich vor und legte eine aufgedunsene rosige Hand auf die Armlehne von Leles Sessel. Er lachte, so dass seine Fettpolster hüpfend gegeneinander stießen. Unvermittelt hörte er auf, und sein Mund mit den fleischigen Lippen blieb wie eingefroren mitten im Lachen offen stehen. „ Also meine Lieben, es ist zwar erstaunlich, kann aber dennoch gut sein, dass keiner von Euch beiden genau weiß, was dieser Vogel eigentlich darstellt und dass kein Mensch auf dieser ganzen schönen weiten Welt das weiß, ausgenommen einzig und allein ihr sehr ergebener Diener Gaspare Buonuomo, Wohlgeboren.“
„Na prima.“ Lele stellte sich breitbeinig vor ihn hin, eine Hand in der Hosentasche, in der andern das Glas. „Und wenn sie’s uns erzählt haben, werden wir drei die einzigen sein, die Bescheid wissen.“
„Mathematisch absolut richtig, mein Lieber“ -  die Augen des fetten Mannes zwinkerten – „aber“ -  sein Lächeln wurde breiter – „ich bin noch gar nicht sicher, dass ich’s ihnen erzählen werde.“
Sachte zog Pippo seinen Partner am Ärmel in dessen Sessel zurück und sagte beiläufig zum Sizilianer: „Nun sei’n sie doch kein Narr, Buonuomo! Mein Partner hat doch nur geblufft. Natürlich wissen wir worum es sich bei der Rara Avis handelt, schließlich haben auch wir unsern Hammett gelesen!“
„Das merkt man doch nur schon an unsern Dialogen und an der Beschreibung dieses Treffens“, sekundierte Lele.
„Na dann lassen sie mal hören was sie wissen“, erwiderte der fette Mann und lehnte sich zurück bis sein fetter Bauch wie ein aufgedunsener Wal auf seinem Sessel thronte.

 

12. Kapitel

Rara Avis

 

„Nun gut“, erwiderte Pippo, zog genüsslich an seiner Siglo und lehnte sich ebenfalls in seinem Sessel zurück. „Wie unser geschätzter Freund der Vice-Questore sagen würde: diese Geschichte reicht weit zurück, manchmal bis in die Vergangenheit. Aber das wissen sie ja!
Zum Beispiel wissen wir auch, dass Ihr Interesse keineswegs ein rein wissenschaftliches ist, wie sie vorgeben. Schließlich sind die Buonuomos erst seit 70 Jahren in Sizilien ansässig und waren in einschlägigen Kreisen als The Gutmanns of Oxford bekannt, nicht war?“
Wenn der dicke Mann überrascht war, ließ er es sich nicht anmerken. „Fahren Sie weiter“, prustete er jovial und schenkte seinen Gästen nochmals nach.
„Nun denn. Involviert sind Sarazenen, beide Barbarossas, der Kaiser und der Pirat, Suleiman der Wunderbare spielt eine Rolle, die Tempelritter, und wahrscheinlich auch der edle Ritter Fridolin der Heizbare. Ernsthaft jetzt: Der Orden des St. Johannes-Spitals von Jerusalem, später Ritter von Rhodes genannt, heute bekannt als die Malteserritter, sind der Ursprung dieser Geschichte. Suleiman der Wunderbare jagte sie im Jahre 1523 aus Rhodes fort, sie ließen sich auf Kreta nieder und überzeugten Kaiser Karl den V., ihnen Malta, Gozo und Tripolis zu überlassen. Der Kaiser willigte ein, unter einer Bedingung: dem Kaiser war jedes Jahr ein Tribut zu entrichten – ein Falke.
Nun, die Malteser hatten die Sarazenen über Jahrzehnte und Jahrhunderte beraubt und ausgeplündert. Sie besaßen unvorstellbare Schätze von Gold, Edelsteinen, Diamanten, Rubinen, Seidenstoffe und Elfenbein. Die „Heiligen Kriege“ waren für sie lediglich ein Mittel, sich zu bereichern.
Na, lieber Leser, klingelt da was?
So ließen sie sich im ersten Jahr ihrer Zinsfälligkeit etwas Besonderes einfallen. Sie kreierten einen Falken aus dem edelsten ihrer Beute, einen lebensechten Vogel aus massivem Gold, über und über bestückt mit edlen Steinen, Juwelen und Diamanten. Als Augen funkelten zwei immense Rubine. Der wertvolle Vogel wurde in einer von einem französischen Ritter kommandierten Galeere zum Kaiser gesandt. Die Galeere erreichte Spanien nie. Barbarossa, also bekannt als Khair-ed-Din, der Algerische Pirat, eroberte die Galeere und den Vogel. Dieser blieb dort, in Nordafrika, für weitere hundert Jahre bis er von Sir Francis Verney, dem berühmten Englischen Abenteurer, gestohlen wurde.

Die Legende sagt, dass der Vogel aus England wieder verschwand, und über Sizilien und Spanien schließlich in Paris landete. Zu Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts tauchte er in Istanbul und Hongkong auf, nun mit einer dünnen Schicht Wachs über den Juwelen und darüber mit einer dicken schwarzen Basaltschicht unkenntlich gemacht. Ob er in den dreißiger Jahren wirklich in San Francisco auftauchte, wusste nicht einmal unser Freund Hömfry genau.
Das Auftauchen so illustrer Figuren bei uns in der Toskana wie Sir Antony Booth, Noel Gizeh, und natürlich von Ihnen selbst, Verehrtester“, Pippo und Lele deuteten synchron eine Verbeugung an, „legt den Schluss nahe, dass der Vogel sich im Moment irgendwo hier befindet.
Nun sagen sie also nicht, wir wüssten nicht, worum es sich handelt.“
Der fette Mann schürzte die Lippen, hob die Augenbrauen und legte seinen Kopf leicht nach links. „Na schön, sie wissen offenbar worum es geht. Aber was wissen sie sonst? Nein, nein, ich bin mir noch gar nicht sicher ob wir ins Geschäft kommen werden!“
Leles Gesicht wurde bleich und hart. Er sprach leise und mit rascher, wütender Stimme. „Überlegen Sie’s sich noch mal, und zwar schnell! Ich sage ihnen, dass sie noch mit uns reden müssen oder sie haben ausgespielt. Wozu stehlen sie unsere Zeit? Sie und ihre lausigen Geheimnisse! Herrgott noch mal, sie stehlen doch nur unsere Zeit! Vielleicht hätten sie ohne uns auskommen können, wenn sie uns nicht in die Quere gekommen wären. Jetzt können sie es nicht mehr, nicht in Siena! Entweder sie steigen ein, oder sie fliegen raus aus dem Geschäft -  und zwar noch heute!“ Lele stand auf und knallte blind vor Zorn sein Glas auf den Clubtisch, dass die Scherben flogen.
Der dicke Mann schenkte dem zersplitterten Glas nicht mehr Aufmerksamkeit als Lele. Mit geschürzten Lippen, hochgezogenen Augenbrauen und leicht nach links geneigtem Kopf hatte er während Leles zorniger Rede unverändert sanft dreingeschaut und trug auch jetzt noch den gleichen Ausdruck auf seinem rosigen Gesicht zur Schau.

Pippo erhob sich ebenfalls und sagte: „Und noch was, wir wünschen nicht…“

Die Tür an seiner linken Seite ging auf. Der Junge, der unsere beiden Helden eingelassen hatte, trat ein. Er schloss die Tür, baute sich davor auf, die Hände flach an die Seiten gelegt, und sah Pippo an. Die Augen des Jungen standen weit offen und waren von den geweiteten Pupillen verdunkelt. Ihr Blick strich über Pippos Körper, von den Schultern hinab zu den Knien und wieder aufwärts, bis er an der kastanienbraunen Umfassung des Einstecktuchs hängen blieb, das aus der Brusttasche von Pippos brauner Jacke hervorlugte.
„Und noch etwas“, wiederholte Pippo, während er den Jungen anfunkelte: „Halten  sie mir diesen Grünschnabel vom Leib, während sie sich ihre Sache überlegen. Er macht mich nervös. Ich haue ihm eine Dampflokomotive ins Gesicht sobald er mir in die Quere kommt!“
Die Lippen des Jungen zuckten in einem düsteren Lächeln. Er hob weder die Augen, noch sagte er ein Wort.

Der fette Mann sagte tolerant: „Also mein Lieber, ich muss schon sagen, sie haben eine ziemlich schlechte Laune.“
„Laune?“ Pippo lacht wild auf. Er drehte sich zur Tür, hielt aber nochmals seinen Arm mit dem Zeigfinger auf den dicken Bauch des fetten Mannes gerichtet. Seine zornige Stimme füllte den Raum: „Überlegen Sie sich’s und überlegen sie schnell! Sie sind entweder drin oder draußen!“ Er ließ den Arm sinken, und starrte den gelassen wirkenden fetten Mann nochmals wütend an. Während Lele die Tür öffnete schob Pippo nach: „Bis heute Abend, dann ist Sense!“
Der Junge starrte auf Pippos Brust und wiederholte die vier Worte, die er zweimal im Liberamente gesprochen hatte. Seine Stimme war nicht laut. Sie war bitter.
Pippo ging hinaus und Lele knallte die Tür hinter ihnen zu.
Pippo brauchte Lele nicht anzuschauen, um zu wissen, dass dieser schmunzelte, als sie nebeneinander durch die Hotelhalle gingen. „Na was meinst du, wollen wir etwas Anständiges trinken um den schlechten Geruch loszuwerden?“
„Genau, und zwar bleiben wir hier. Irgendetwas wird ja wohl geschehen. Buonuomo muss sich jetzt bewegen. Und zudem interessieren mich auch die andern Gäste dieses Etablissements!“
„Na was darf es sein?“ fragte der aufmerksame und freundliche Barkeeper.
„Zwei Lagavulin, ohne Siphon“, knurrte Pippo.
„Aha. Gäste von Signore Buonuomo“, erwiderte der Barkeeper lakonisch.

 


 13. Kapitel

An der Bar

 

„Ah, meine Herren! Schon hier? Nun, können wir ins Geschäft kommen?“ Noel Gizeh war von ihnen unbemerkt in der Hotelhalle aufgetaucht und tänzelte an die Bar.
„Ziehn’ sie Leine, sie Komiker! Wir haben gesagt heute Abend“, zischte Pippo.
Beleidigt stöckelte Gizeh davon, mit einem feinen Spitzentüchlein seinem feuchten Gesicht Luft zufächelnd. Chypreduft wehte durch die ganze Lounge. Lele steckte eine neue Bolivar in Brand und kämpfte mit deren Rauch den einsamen Kampf um ein wieder erträgliches Raumklima.
„Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, ich hatte doch vor einer halben Stunde beim Reinkommen einen Blick ins Gästebuch geworfen, als du den Concierge weggelockt hattest. Da sind einige illustre Gestalten abgestiegen in diesem Etablissement! Was hältst du davon wenn wir einen großen Teller Antipasti Misti und eine Flasche Brunello bestellen und uns hinter diese Palme an den Ecktisch zurückziehen?“
„Die Kunst des Observierens, bei Fouchet gelernt, meinst Du?“ erwiderte Lele und winkte dem Barkeeper. „Sie servieren doch Hors d’Oeuvres rund um die Uhr, habe ich auf dem Schild an der Bar gelesen. Kann man die auch essen oder sind die nur für Amerikanische Touristen erträglich?“
Der Kellner ließ sich nicht provozieren. Ein feines Lächeln zierte seine Mundwinkel als er sagte: „Unser Chef de Jour hat im Arnolfo in Colle gelernt und anschließend zwei Jahre im Cibreo gearbeitet bevor er zu uns stieß. Und meine Fidanzata arbeitet ebenfalls in der Küche.“
„In diesem Hotel übertreffen die versteckten Qualitäten die sichtbaren um Einiges“, dachte Pippo und sagte: „Dann bringen sie uns doch bitte eine Antipastiplatte für drei bis vier Personen und eine Flasche Pinello 2002 an den lauschigen Ecktisch dort drüben. Und genehmigen Sie sich einen Aperitif auf unsere Kosten.“
„.Sehr wohl, die Herren. Besten Dank. Und lassen sie es mich wissen, wenn ich noch etwas für sie tun kann.“
„Später vielleicht“, murmelte Lele und zog genüsslich an seiner Royal Corona.

 

Lele wickelte eine marinierte Garnele aus ihrer Schale, spießte sie auf einen Zahnstocher und schob diesen gedankenverloren in seinen Mund. Er ließ einen Bissen Porcini-Crostino folgen und spülte beides mit einem Schluck Pinello runter. „Dreh dich jetzt nicht auffällig um mein lieber Sherlock! Aber den eleganten Herrn welcher in Begleitung des Dominikanermönchs an der Bar vorbei in Richtung Ausgang stürmt kenne ich von irgendwoher!“
„Ja natürlich! Das ist doch Avocato Corbinelli aus Siena, einer der fähigsten und anständigsten seiner Zunft bei uns. Woher kommen die beiden jetzt, hast du das auch gesehen?“
„Ja, das ist es ja! Sie sind vor 10 Minuten, vielleicht etwas angespannt, aber durchaus kontrolliert, in Richtung Suite unseres Professore geeilt. Jetzt, beim Verlassen der Suite sind sie nicht mehr gelassen. Hast du den hochroten Kopf des Anwalts und das schweißnasse Gesicht des Mönchs bemerkt bei ihrem Hinausstürmen aus dem Hotel?“
„Sag mal, du leidest wohl unter dem nüchternen Blick! Je mehr Alkohol du in dich reinschüttest, umso klarer werden deine Beobachtungen und Schlussfolgerungen. Herr Ober, noch eine Flasche Brunello!“
Der Kellner brachte eine neue Flasche Pinello und schenkte Pippo in einem neuen Glas einen Probierschluck ein. „Einer der wenigen, welcher vom ambivalenten 2002er einen anständigen Brunello gemacht hat, bemerkte er.
„Anständig ist stark untertrieben“, erwiderte Pippo und bedeutete ihm, nachzuschenken.
„Und von seinem 2004er wird man noch mehr begeistert sein, munkeln Glückliche, welche bereits erste Fassproben kosten durften“, ergänzte Lele und prostete seinem Partner zu. „Sagen sie mal“, fuhr er fort, jetzt an den Kellner gewandt, „Kennen sie den Mönch, welcher soeben das Hotel verlassen hat?“
„Ja, das ist Fra’ Angelico vom Kloster Oliveto Maggiore. Er ist der verantwortliche Kurator der Ausstellung, welche am nächsten Freitag eröffnet. Er hat sich in den letzten Tagen einige Male mit dem Professore aus Palermo getroffen. Allerdings scheint mir das Verhältnis zwischen den zwei in der letzten Woche noch durchaus herzlicher gewesen zu sein, sozusagen freundlich und professionell. Seit der Englische Gentleman vorgestern Abend so überstürzt abgereist ist, liegt sowieso eine komische Spannung im Hotel. Für uns Angestellte ist sie fast greifbar.“
„Was können sie uns denn über den Englischen Gentleman sagen?“ forderte Pippo den so hilfsbereiten Barista auf und bedeutete ihm, sich doch einen Augenblick zu setzen.
„Nein danke“, bedeutete dieser und fuhr fort: „Ein Mann von Welt, offenbar. Irgendwie kam er mir auch bekannt vor und meine Fidanzata meinte auch, dass sie ihn schon mal im Fernsehen gesehen hat, vielleicht bei Grande Fratello oder Isola dei Famosi. War nur knapp eineinhalb Tage hier, in Begleitung seines Sekretärs. Dieser hat dann auch die überstürzte Abreise geregelt, den Gentleman haben wir gar nicht  mehr zu Gesicht bekommen am Abend der Abreise.“

„Sagen sie mal, dieser Sekretär war nicht zufällig ein großer schlanker mit glänzenden schwarzen Harren?“ fragte Pippo.
„Doch, so ein eleganter Schauspielertyp“, erwiderte der Kellner und entfernte sich mit der leeren ersten Flasche Wein zurück an die Bar.
„Und uns wollte er weismachen dass Booth alleine hier war“ murmelte Lele.
„Uns oder der Witwe“, entgegnete Pippo und schaute seinen Partner bedeutungsvoll an. „Machen wir doch mal einen Spaziergang zum Kloster runter und nehmen uns mal dieses Mönchlein zur Brust!“
„Gemach, mein lieber Watson. Zuerst beenden wir unsere frugale Merenda, wäre doch schade um den ausgezeichneten Wein!“
Pragmatisch war er alleweil, unser lieber Lele, aber sein Partner stand ihm in dieser Hinsicht keineswegs nach und prostete ihm mit einem anerkennenden Lächeln zu.

  

14. Kapitel

Besuch im Kloster

 

Fra’ Angelico war ein Mönch wie er im Buche stand und so ganz nach dem Geschmack unserer beiden Freunde. Seine kleinen listigen Äuglein wetteiferten mit seinem einnehmenden Wesen um die Gunst seiner zwei Gäste. Seine fette Wampe und wohl die eine oder andere Überraschung verbargen sich unter seiner unförmigen Mönchskutte. Feine rote Äderchen überzogen seine Backen und seine dunkelrote Nase ließ ebenfalls auf einen nicht durchwegs asketischen Lebenswandel schließen. Pippo und Lele hatten sich als Journalisten einer Kulturzeitschrift ausgegeben und der kleine Mönch war nur allzu gerne bereit gewesen, die Werbetrommel für „seine“ Ausstellung zu schlagen.
Und offenbar war er nicht nur äußerst kompetent in Mittelalterlichen Fragen und Zusammenhängen mit dem Tempelritter-Orden. Die von ihm verantwortete Ausstellung von Schätzen aus aller Welt war offenbar sein ganzer Stolz. Bereitwillig beantwortete er alle Fragen seiner Besucher. Sein Gesicht glänzte und seine Äuglein blitzten. Gleichwohl ging ab und zu ein Schatten über sein Gesicht, was unsern Freunden nicht verborgen blieb. Und so entschlossen sie sich denn zum Frontalangriff.
„Kompliment, Fra’Angelico“, säuselte Lele. “Scheint es mir nur so, oder sind sie eigentlich bereits fertig und bereit für die Ausstellung? Mit Ausnahme von Saal 4, wenn ich mir erlauben darf zu bemerken. Hier scheinen irgendwie einige Exponate zu fehlen, dünkt mich.“ Unschuldig lächelnd blickte Lele den Mönch aus treuherzigen Augen an und Pippo blieb scheinbar gedankenverloren vor einem mit Rubinen verzierten Zweihänder stehen, welcher zusammen mit einer martialischen Hellebarte ein geschmiedetes Wappen von der Größe eines Kühlergrills umrahmte.
„Sie treffen einen wunden Punkt, mein Herr, leider“, entgegnete der Gottesmann betrübt und zeigte mit seinem wurstähnlichen Zeigefinger auf ein leeres Piedestal. „Die Leihgaben eines reichen Sammlers aus Hongkong, eine stupende Sammlung von wertvollen Zeitzeugen aus den Gründertagen des Malteserordens, sind nicht unversehrt bei uns eingetroffen. Äußerst betrüblich und eine eigentliche Katastrophe für die Ausstellung und das Kloster, handelt es sich doch bei einem der verlorenen Exponate um den so genannten Malteser Falken, den eigentlichen Star der Ausstellung.“ Betrübt wandte er sich ab.
„Das ist ja entsetzlich“, sekundierte nun Pippo seinem Partner. „Wir wollen ihnen natürlich keineswegs zu nahe treten, aber wenn wir etwas dazu beitragen können, Licht ins Dunkel zu bringen, sind wir nur allzu gerne bereit. Denn schließlich sind unsere Leser ja auch potentielle Ausstellungsbesucher, schob er nach, damit offenbar die Bedenken des Mönchleins zerstreuend, denn dessen Miene hellte sich sichtbar auf, als Pippo nachschob: „Erzählen sie uns doch einfach alles, was ihnen aufgefallen ist, vielleicht können wir Ihnen ja helfen.“

„Nun, ich weiß nicht recht“, seufzte der Mönch. Der Abt hat heute Morgen Herrn Rechtsanwalt Corbinelli mit der Wahrung unserer Interessen beauftragt. Ich bin mir jetzt nicht sicher, ob ich zu diesem Zeitpunkt auch Journalisten hinzuziehen soll“.
„Nun, wir wollen den Anstrengungen ihres Anwalts natürlich keineswegs in die Quere kommen und etwaige Veröffentlichungen unsererseits sprechen wir gerne jeweils vorher mit ihnen ab. Aber bedenken sie, dass auch wir unsere Quellen haben und ihnen die eine oder andere nützliche Information beschaffen können“.

Der Widerstand von Fra’ Angelico war gebrochen. Wie klares Bergwasser sprudelte es aus ihm heraus: „Ich war ja von Anfang an skeptisch. Alle diese Sponsoren, einer merkwürdiger als der andere. Eine Baufirma aus Palermo. Wer’s denn glaubt! Und dann quartieren die sich alle bereits 10 Tage vor Ausstellungsbeginn im nahe gelegenen Hotel ein. Und ständig diese Fragen. Und nie über die Ausstellung an sich. Immer nur über die Sammlung des Hongkongchinesen. Wann sie denn zu erwarten sei. Und wo. Mit welchem Schiff. So gar nicht die Sorge kulturinteressierter Sponsoren. Aber der Abt war da ganz streng: Fra’ Angelico, hat er immer gesagt, pecunia non olet. Ohne dieses Sizilianische Geld könnten wir uns diese Ausstellung gar nicht leisten.“

„Sizilianisches Geld? Professore Buonuomo?“

„Nein, dieser hat sich uns schon vor einigen Wochen als Berater und Sachverständiger empfohlen. Wobei, ehrlich gesagt, sein Wissen korrespondiert keineswegs mit seinem Titel. Unter uns gesagt, wohl ebenso wenig wie sein Titel mit der Realität korrespondiert. Und sein Verhältnis zu seinen Landsleuten war mir auch immer merkwürdiger erschienen. Denn vertraut haben die sich gegenseitig keineswegs. Ebenso wenig wie ich selbst. Leider habe ich aber zu wenig auf meine innere Stimme gehört. Vielleicht wäre die komplette Sammlung heute hier ausgestellt, wenn ich ihm nicht von der La Colomba erzählt hätte.“
Sofort wurde Pippo hellhörig „Das ist jetzt wichtig. Haben sie nur dem Professore davon erzählt?“
„Ihm und dann wohl auch dem englischen Gentleman und seinem kunstsachverständigen Sekretär. Eine äußerst liebenswürdige Erscheinung. Immer so freundlich lächelnd. Also der ist natürlich über jeden Zweifel erhaben!“
„Vielen Dank vorerst, Fra’ Angelico. Sie haben uns einige interessante Anhaltspunkte geliefert. Wir werden mal ein bisschen recherchieren und uns dann wieder bei ihnen melden, hoffentlich mit guten Nachrichten.“ Pippo und Lele tauschten einen bedeutungsschweren Blick und verabschiedeten sich vom am Boden zerstörten Mönchlein.

„Buonuomo hat also von den Einzelheiten der Ankunft des  Falken gewusst. Und damit auch der Grünschnabel, sein Sekretär.“ Pippo zündete sich auf dem Weg zurück ins Hotel eine Toscano an.
„Und Antony Booth“, ergänzte Lele. „Und auch sein so genannter Sekretär, ganz im Gegensatz zu seiner Äußerung uns gegenüber. Dem werden wir mal auf den Busch klopfen müssen wenn wir zurück in Siena sind.“
„Und möglicherweise der kleine schmierige Grieche. Der scheint clever genug, zu beobachten und zwei und zwei zusammenzuzählen. Den knöpfen wir uns nun als Ersten vor, wenn wir zurück im Hotel sind. Komm Sherlock!“

 

 15. Kapitel

Wieder an der Hotelbar (wo denn sonst?)

 

Eben nicht, lieber Leser! Denn im Hotel war dann alles ganz anders als es unsere beiden Helden erwartet hatten.
Auf dem Parkplatz, neben dem Parkplatz, in den Blumenbeeten, stand eine Armada von Polizeifahrzeugen mit laufenden Blaulichtern. Brimbusca war offenbar mit der geballten Macht seiner Fettnäpfchentreter eingefahren. Sozusagen die gesamte Manufaktur von Recht und Ordnung. Keine Spur von verdeckter Ermittlung mehr, offenbar.
Das Chaos in der Hotelhalle übertraf dasjenige auf dem Parkplatz sogar noch. Geschäftige und geschäftig aussehende Beamte wuselten hin und her, Spurensicherer und Carabinieri hantierten mit Messbändern, Diktiergeräten und Kugelschreibern dass es eine Freude war. Und mittendrin in Herrscherpose Don Silvio, der Vice-Questore. „Kommen sie mal mit“, herrschte er die beiden Detektive an, als er sie in die Hotelhalle treten sah. Er ging in Richtung Suite von Buonuomo, öffnete diese und herrschte zwei in der Suite arbeitende Spurensicherer an: „Lassen sie uns kurz allein!“
Eilig verließen die beiden Beamten das Hotelzimmer, Pippo und Lele traten ein und Brimbolioni schloss die Tür. Sie waren nun zu fünft im Zimmer. Aber Buonuomo und Wiliberto würden zur Unterhaltung nicht mehr viel beisteuern, soviel war klar. Der Professore saß friedlich in seinem Sessel, sein Leibwächter auf dem Sofa. Er hatte seinen Job offenbar nicht zufriedenstellend erledigt. Beide schauten ihre Besucher aus jeweils drei Augen an, wobei das dritte in der Mitte der Stirn deutlich lebhafter dreinblickte als die beiden Original-Gucker.
„Der fette Mann wurde gefoltert bevor er starb. Der junge Mann wurde mit einem Schuss in den Nacken hingerichtet. Das Loch in der Stirn wurde offenbar nachträglich reingestanzt um uns zu verwirren“, erklärte der Brimbusca.
Lele und Pippo tauschten einen Blick. „Als ob das noch notwendig wäre“, lautete die unausgesprochene Botschaft.
„Schaut nach Mafia aus, schließlich ist der Professore Sizilianer. Und die Tötungsweise des Jungen deutet ebenfalls darauf hin. Und gemäß Concierge ist heute Mittag ein Gruppe Sizilianischer Geschäftsleute überraschend und überstürzt abgereist. Mehr wissen wir im Moment noch nicht.“

Überrascht pfiff Lele durch die Zähne und Pippo nickte nachdenklich. Diesmal hatte der Schnellschuss von Sienas Elitepolizisten durchaus was Plausibles. „Wir erzählen ihnen am besten mal, was wir bisher herausgefunden haben, Signore Vice-Questore. Dieser Doppelmord hängt möglicherweise mit dem Tod des Englischen Politikers zusammen den wir in ihrem Auftrag untersuchen. Gemäß der Auskunft des Sekretärs der Witwe war der Professore die letzte Person, mit der Signor Booth zusammen war vor seinem Verschwinden.
Sie waren offenbar die einzigen beiden Personen, welche von der Ankunft eines wertvollen Kunstgegenstandes im Hafen von Livorno wussten. Dieser Gegenstand ist möglicherweise der Grund für die Anwesenheit sämtlicher beteiligter Personen in diesem Hotel. Die verschwundenen Sizilianischen Geschäftsleute waren höchstwahrscheinlich ebenso an diesem Gegenstand interessiert. Im Moment ist alles noch Spekulation, aber so könnte es sich abgespielt haben: Signor Booth erfährt von Buonuomo von der Ankunft des wertvollen Schatzes in Livorno. Dieser benutzt den Engländer um die Trophäe noch im Hafen von Livorno zu stehlen und lässt anschließend Signor Booth durch seinen Leibwächter umbringen.
Und der Brand auf der La Colomba geht wohl ebenso auf das Konto des jungen Leibwächters.
Die Sizilianischen Geschäftsleute bekommen Wind vom Verschwinden der Trophäe, hinter welcher sie ebenfalls her waren. Sie foltern Buonuomo, um den Aufenthaltsort der Beute zu erfahren und bringen diesen ebenfalls um.“
„Meine Herren, ich muss schon sagen! Ein Englischer Expremierminister begeht einen Einbruchsdiebstahl auf einem Schiff in Livorno! Ich muss doch bitten! Ermitteln sie weiter in ihrer Angelegenheit, aber diskret und mit ein bisschen mehr Fingerspitzengefühl Und kommen sie mir hier nicht bei meiner Arbeit in die Quere!  Und bringen sie mir bis morgen Abend eine plausiblere Variante zum Tod des Engländers und verschwinden sie sofort! Raus jetzt!“

                                   ******************************

„Wie lange wohl Don Silvio brauchen wird um zu merken, was wir ihm alles verschwiegen haben?“
„Hoffentlich lang genug, damit wir unsere Arbeit zu Ende bringen können. Stell dir mal vor, seine Angestellten würden jede Spur platt treten bevor wir zwei ihr nachgehen können!“
Genau. Lass uns deshalb sofort noch den Griechen abfangen, bevor wir diese reizende Werkstätte behördlicher Brachialgewalt verlassen!“
Aber Noel Gizeh war heute Mittag ebenfalls überstürzt abgereist, laut Auskunft des freundlichen Barista mit vollen Hosen und im Tempo des gehetzten Affen. Als neuen Aufenthaltsort hatte er nichts angegeben. Aber der vife Barista hatte den Taxichauffeur gekannt und konnte unsere beiden Freunde mit der Information versorgen, dass das Reiseziel das Hotel Continental in Siena war. Dies konnte unsere beiden Sherlocks nun nicht wirklich überraschen.

 

Und der Barkeeper hatte noch mehr gewusst. Das Licht der bevorstehenden Kunstausstellung im nahe gelegenen Kloster hatte noch andere Schmeißfliegen angezogen welche offenbar noch nicht wieder abgereist waren. Nebst zwei Deutschen Händlern, einer aus Ulm, der andere wohl aus Stuttgart, war auch ein in gewissen Kreisen bekannter Antiquitätenhändler aus Florenz oft in Gegenwart von Signor Gizeh gesehen worden. Und auf der Gästeliste figurierte auch ein gewisser Signor Vladic aus Triest. Als Beruf fungierte Kaufmann im Hotelbuch.
Wenn Brimbolionis Knappen morgen hoffentlich die Stätte des Grauens geräumt hatten, stand den beiden Detektiven wohl nochmals eine Sondierungsfahrt nach Chiusure bevor.

Aber zuerst einmal stand ein unvergleichliches Abendessen bei Miranda in der Pievina auf dem Programm unserer beiden Helden.

 
 
16. Kapitel

Aston Martin DB5

 
Nein, lieber Leser, das wäre jetzt ein Clichée zu viel. Einen Mietwagen der Marke Fiat hatte er sich gemietet.

„Schnall dich mal an my dear Watson”, sagte Pippo und schaltete einen Gang höher. Der Lancia schoss um die nächste Kurve und bretterte durch die Olivenhaine in Richtung Buonconvento als wenn es kein Morgen mehr gäbe.

„Was ist denn los?“ nuschelte die Schlafmütze auf dem Beifahrersitz.

„Wir werden seit unserer Abfahrt aus Chiusure von einem grauen Fiat verfolgt. Mal sehen, wer uns denn auf die Pelle rücken will“, entgegnete Pippo und schoss auf quietschenden Reifen ums nächste Gehöft. Der Abstand zu seinem Verfolger hatte sich rapide vergrößert. Zum einen war Pippo die Überraschung gelungen, zum andern kannte er die Via Lauretana offensichtlich besser als sein Verfolger. Nach der nächsten scharfen Rechtskurve, unmittelbar nach einem Bauernhof, welcher ihm Sichtschutz gab, lenkte er sein Cabrio aus voller Fahrt scharf rechts in den Innenhof und brachte es hinter einem Traktor zum Stehen. Im Rückspiegel sah er, wie ein silbergrauer Brava am Podere vorbeischoss und in rasantem Tempo die Abfahrt in Richtung Buonconvento in Angriff nahm. Am Steuer saß ein den beiden Detektiven nur zu gut bekannter Englischer Mann mit pomadisiertem Haar.

„Da schau mal einer an, unser Freund Blonnery geht mir wirklich langsam auf den Wecker!

„Weißt du was, wir kehren um und setzen uns bei Miranda in den Garten bis es Zeit ist zum Essen. Ich habe keine Lust mehr, einen Aperitif in Buonconvento zu trinken und dann diesem Englischen Schnösel nochmals über den Weg zu laufen.“

Gesagt getan. Pippo fuhr gemächlich wieder in Richtung Chiusure hoch und dann nach Asciano runter. Von dort zur Pievina war es dann wirklich nur noch ein Katzensprung. Und Miranda war tatsächlich so lieb, ihren beiden Freunden eine Karaffe Weißwein in den Garten zu bringen.

Jetzt musst du nämlich wissen, dass die Pievina bis eine Minute vor zwanzig Uhr den Eindruck einer geschlossenen und verlassenen Gaststätte macht. Um Punkt acht Uhr und keine Minute früher wird die Türe geöffnet. Und dann wird natürlich alles ganz anders.

Aber davon ein anderes Mal.

 

Im Moment sitzen Sam Spade und Philip Marlowe gemütlich im Garten, nippen kühlen Weißwein, rauchen eine Partagas D4 und sinnieren, was denn der Englische Patient  - streichen sie das, schreiben sie Englischer Agent - in Chiusure wollte.

Dass er sie zwei beobachtete war eine Möglichkeit. Aber keine sehr einleuchtende.

Möglicherweise beschattete er sonst jemanden. Möglich. Und eher wahrscheinlich.

Oder er hatte etwas zu erledigen. Schon eher. Aber was?

Er war ja überstürzt abgereist vor zwei Tagen. Und hatte vielleicht nicht mehr Zeit gehabt, alle Spuren zu verwischen. Nicht vergessen, er war ja inkognito hier. Wie auch sein Chef. Dessen Leiche schließlich ebenfalls immer noch inkognito war. Quasi.

Aber welche Spuren galt es denn zu verwischen?

Oder hat er jemanden getroffen?

Wer spielt da mit wem zusammen?

Buonuomo?

Gizeh?

Die Sizilianer?

Sonst jemand aus dem illustren Kreis der Gästeliste?

Darüber mussten sie wohl in aller Ruhe nachdenken. Und Informationen über sämtliche Verdächtige zusammentragen. Aber erst morgen.

In diesem Moment ging nämlich die Tür zur Gaststätte auf und Mirella strahlte sie mit einem Lachen an, welches von einem Ohr zum andern reichte.


17. Kapitel

Fact Finding und Brainstorming

 

Ja. lieber Leser, jetzt erwartest du natürlich die übliche Brunello-Vertikalverkostung auf der schönsten Hotelterrasse der Toscana. Geistreiche Bonmots verweben sich mit den Rauchschwaden edler Puros aus Carlo’s Privathumidor. Zu welchem unsere Freunde bei solchen Gelegenheiten Zugang haben. Tiefgreifende Einsichten in den laufenden Fall und in die Dekolletés der um den Swimming Pool herumlungernden weiblichen Hotelgäste wechseln sich ab. Der Fall nähert sich seiner Lösung. Die Überführung des Täters ergibt sich praktisch von selbst. Aber diesmal ist alles etwas anders. Der Täter ist nicht Gast des vielleicht schönsten Hotels der Toscana. Versprochen. Obwohl, der Verleger hatte dies dem Autor dieser Geschichte noch nahe gelegt. „Die Umsatzzahlen verlangen einfach nach möglichst viel Lokalkolorit“, hatte er ihn beschwört. „Und bei der Schilderung desselben sollten sie aus dem Vollen schöpfen und bei der Auswahl der Schauplätze immer nach dem Maximum streben. Eine Szene in der Villa del Pino bringt weitere fünfzigtausend Leser“, beschwörte er unseren armen, sowieso überforderten Dichter.
Aber der Abend bei Mirella in der Pievina hatte unsere beiden Hauptdarsteller doch ziemlich geschlaucht. Drei Flaschen Rosso di Montalcino und zwei doppelte Grappa waren nötig gewesen, um die Fülle lukullischer Köstlichkeiten zu bewältigen. Und nach der Heimkehr waren sie auf dem Weg zum Campo in der Via del Porrione noch Gianni und Mirko in die Finger geraten, welche  mit einer auserlesenen kleinen Gruppe die Philosophietradition der Logge bis drei Uhr morgens aufrechterhielten. Da konnten unsere beiden Detektive ja wirklich nicht fehlen. Umso mehr als sie bereits wieder Durst hatten. Dass der Gang durch die Via del Porrione eigentlich ein Umweg war, ist wieder eine andere Sache. Und Gianni, welcher freizügig zwei seiner kürzlich eingetroffenen D4-Partagas an seine Freunde verteilte und dazu ein reichlich bemessenes Glas eines betörenden  1955 Longmorn-Glenlivet nachschob, trug auch nicht gerade dazu bei, dass der sowieso nicht notwendige Schönheitsschlaf eingelöst wurde.
Und im Übrigen stand die lang ersehnte Lieferung von einem Dutzend Cuabas bei Carlo sowieso erst gegen Ende der Woche an.
Auf alle Fälle war ein nüchterner Büromorgen das Maximum, was unsere beiden Helden sich selbst und der Umwelt zumuten mochten.
Und so finden wir Pippo und Lele in ihrer Denkerklause am Hauptsitz der multinationalen Detektivagentur Marlotti-Spadoni am Campo Nr. 10 in Siena. Höchst konzentriert hängen beide am Telefon, zapfen das Wissen befreundeter Detektive an und bauen langsam ihren Kater ab.

„Tja Salvo, kann man nichts machen. Trotzdem vielen Dank! Machs gut.“ Lele hängte den Hörer ein und berichtete seinem Partner: „Montalbano kennt die so genannten Exponenten der Palermitanischen Baufirma, welche gestern überstürzt aus Chiusure abgereist sind. Den Mord an Buonuomo, falls sie es denn waren, können wir ihnen allerdings nicht anhängen. Es existieren über zwanzig Alibis, dass sie während der ganzen Woche in Palermo waren.“
„Tüchtiger Mann, und liebenswürdig“, erwiderte Pippo, „hat einfach die falsche Freundin. Aber hör dir mal an, was mir Lorenzo La Marca soeben erzählt hat! Nach seinen Informationen sind unsere Sizilianischen Bauleute die erste Adresse, wenn es um geraubte und geschmuggelte Kunstgegenstände aus dem Mittelalter geht. Diese Spur lassen wir nicht erkalten! Sag mal, könnten wir diese beiden Kontakte kurzschließen und gemeinsam ermitteln lassen?“
„Na ja, einen ähnlichen Musikgeschmack haben sie ja. Aber Montalbano trinkt keinen Wein, wie übrigens auch sein Schöpfer, während La Marca soweit ganz normal rüberkommt. Und unser lieber Freund Salvo ist nun ja wirklich eher ein Einzelgänger, meinst du  nicht auch?“
„Also gut, lassen wir sie weiter getrennt ermitteln, du teilst es Camilleri und Santo Piazzese mit, OK?“
„Gut, mach ich. Und nachher kümmere ich mich um die Kunsthändlerszene in Florenz. Unser Freund Corrado Scalzi ist doch dort recht gut verknüpft.“
„Absolut. Mach das. Und zapf auch Salvatore Guarnaccia an. Der hat Ohren wie eine Satellitenschüssel und wenn irgendwer etwas mitkriegt in der florentinischen Hehlerwelt, dann er.“
„Salva? Aber der führt doch höchstens Selbstgespräche!“
„Und genau diesen sollst du zuhören! Ich habe mich in den letzten zwanzig Minuten um die beiden Deutschen Spuren gekümmert. Dengler wusste einiges über den Galeristen aus Stuttgart. Er ist in einer andern Sache sowieso in Italien unterwegs über das Wochenende. Ich schließ mich mal mit Carlo kurz ob er noch ein Zimmer für unsern Freund hat übers Wochenende. Genügend Musik von Junior Wells hat er ja in seiner CD-Sammlung und guter Brunello ist eh kein Problem. Da kann Freund Dengler gar nicht nein sagen. Dafür war Berndorf nicht zu erreichen. Ist wohl in Berlin bei seiner Freundin und plant eine Paris-Reise. Ist aber nicht weiter schlimm. Der vermeintliche Galerist aus Ulm hat sich eh als Hehler aus Basel entpuppt. Und – guess who -  Hunkeler würde nur zu gerne hier vor Ort gegen ihn ermitteln falls die eine oder andere gute Flasche Rotwein im Zuge der Ermittlungen geköpft werden könnte. Ob Carlo wohl noch ein zweites Zimmer frei hat? Könnte ein ganz passables Wochenende werden mit guten Freunden, was meinst du? Und jetzt ruf ich mal Proteo Laurenti an. Dieser Vladic aus Triest passt mir ganz und gar nicht. Und in unsere Gegend passt er noch weniger!“
„Hast Du eigentlich Philip Maloney in Zürich schon erreicht?“
„Ja, er hat gerade ein Schläfchen unter seinem Schreibtisch gehalten. Er ruft zurück.“

Und während unsere beiden Freunde Stein um Stein dieses verzwickten Puzzles zusammentragen, sondert nur fünfhundert Meter entfernt ein bemitleidenswertes Persönchen zum letzten Mal Chypreduft an die Umwelt ab.

 
18.      Kapitel

To kill without a licence

 

Nicht dass James Blonnery etwas gegen das Umbringen von Mitmenschen gehabt hätte. Er hatte das Liquidieren von andern Sauerstoffverbrauchern immer lediglich als unumgängliche Begleiterscheinung seiner Arbeit betrachtet. Und war von seinem Arbeitgeber in der Regel auch gedeckt worden. Um die Entsorgung von Leichen musste er sich jedenfalls nie selbst kümmern. Doch diesmal war die Sachlage etwas anders. Dass er diesen schmierigen Griechen hat umbringen müssen war leider unumgänglich gewesen. Was bildete sich diese Tunte eigentlich ein! Noch in Chiusure unten hatte er ihm doch unmissverständlich eingebläut, ihm nicht in die Quere zu kommen. Und jetzt dies! Verschafft sich doch dieser Schnüffler Zutritt in sein Hotelzimmer! Nur gut, dass er ihn kaltmachen konnte bevor dieser etwas entdecken oder sogar wieder fliehen konnte! Aber mit der Entsorgung der Leiche hatte er nun ein Problem, die Hotelgänge waren um diese Tageszeit einfach zu belebt und durchs Fenster ging auch nicht, sein Zimmer lag zu ungünstig. Und in zehn Minuten musste er bei der Witwe sein. Deren sexueller Appetit wurde langsam zum Problem. Nein, nicht so wie du denkst, lieber Leser, aber unser guter James hatte ja wirklich ab und zu auch anderes zu tun, nicht wahr? Und damit meinen wir jetzt nicht das Zimmermädchen welches zudem nur halb so alt und halb so schwer war wie Madam Cheryl. Musste ja auch mal gesagt werden!
Bis jetzt war doch alles so gut gegangen! Seine Anwesenheit in Chiusure war unbemerkt geblieben. Was ja im Interesse von allen Beteiligten war. Sein Verhältnis mit Cheryl war niemandem bekannt. Seine Belohnung schlummerte im Hotelsafe in seinem Zimmer. Zeugen seiner Aktivitäten gab es keine lebenden mehr. Ein Problem waren allenfalls diese beiden Schnüffler aus Siena, die waren wirklich umtriebig. Und in einer Stunde waren sie zu einem Besuch bei Cheryl angemeldet und diese wollte ihn auch dabeihaben. Mal schauen und anschließend eine vernünftige Strategie fassen. Aber zuerst mal diesen Griechen entsorgen!“
Und während der arme Noel Gizeh seiner endgültigen Beseitigung harrte konnte er natürlich nicht mitkriegen, wie sich hinter seinem Entsorger geräuschlos dessen Zimmertür öffnete. Eine dunkle Gestalt schob sich lautlos ins Zimmer. Als Blonnery einen leichten Luftzug hinter sich bemerkte und sich reflexartig umdrehte war es bereits zu spät. Der schwere Kristallaschenbecher sauste mit voller Wucht auf seinen Schädel nieder. Und ein zweites mal for good measure. Und zum gepressten Klang der Worte „Und das ist für das Zimmermädchen, diese Schlampe!“ noch ein drittes Mal.

 

 

Irgendwie spürten Pippo und Lele, dass sie diesmal nicht beschattet wurden, als sie gemütlich eine Toscano paffend die Bancchi di Sopra zum Hotel der Englischen Lady hinauf schlenderten. Entsprechend angespannt traten sie in die Hotelhalle. Irgendetwas war vorgefallen. Nun musst du nämlich Eines wissen: ein geübter Detektiv  merkt, wenn er verfolgt oder beschattet wird. Und eben auch wenn nicht. Er hat dies sozusagen im Urin.
Aber die Witwe empfing die Beiden mit ihrer angeborenen Reserviertheit. Interessanterweise war auch die Contessa Steccanini anwesend in der Hotelsuite.  Mit einem kaum merklichen Senken der Augenbraue begrüßten sie und Lele sich gegenseitig, Pippo schüttelte beiden Damen artig die Hand.
„Nehmen sie Platz meine Herren! Besten Dank, dass sie so kurzfristig kommen konnten. Ich habe sie gerufen, weil ich ihnen ein konkretes Angebot machen wollte. Und ich wäre ihnen dankbar, wenn die kommende Unterhaltung diese vier Wände nicht verlassen würde. So sehr ich den reizenden Herrn Questore schätze. Aber was ich ihnen nun zu sagen habe, betrifft nur uns drei! Und meine Freundin natürlich. Vor ihr habe ich keine Geheimnisse!“
„Und somit betrifft es auch nicht ihren Sekretär?“ fragte Lele unschuldig. Pippos Blick überflog unbeteiligt den Blumenschmuck auf dem Couchtisch.
„Nein, eben darum geht es ja! Ich werde ihn in 10 Minuten zu unserm Gespräch hinzuziehen und bitte sie, sich dann nichts anmerken zu lassen. Ich will meine Fassade aufrechterhalten, aber die Tatsache, dass ich ihnen ein Angebot zu unterbreiten habe, hängt damit zusammen, dass ich ihm nicht mehr traue.“
„Dann nehmen sie doch Präservative!“ war Lele versucht zu sagen, aber Pippo kam ihm zuvor: “Erklären Sie!“
„Wie sie beide wissen, sollte unser Sekretär James als Kunsthistoriker und Fachmann für solche diskreten Angelegenheiten meinen Mann und somit auch mich selbst dabei unterstützen und beraten, einen wertvollen Gegenstand zu erwerben.“
„Das Wort widerrechtlich und das Wort aneignen hat sie geschickt vermieden“ dachte Pippo und nickte. „Fahren sie fort!“
„Nun erklärt mir unser lieber James heute Morgen, dass er durch den tragischen Tod meines Mannes und den offenbaren Umstand, dass im Umfeld dieser Sache weitere Todesfälle eingetreten sind, die Spur des Vogels verloren habe. Zudem sei meine Anwesenheit hier zum jetzigen Zeitpunkt nicht mehr ratsam. Zumindest würde er selbst heute Abend nach England zurückkehren. Sagen sie meine Herren, haben sie eine Spur des Falken? Könnten sie mir eventuell bei dessen Beschaffung helfen und würden sie auch meinen Schutz übernehmen? Ich werde mich nach diesem Gespräch in den Palazzo meiner Freundin begeben, dort fühle ich mich wohler in der momentanen Situation. Im Hotel hier bin ich praktisch bereits abgereist, ich habe nur noch dieses Gespräch abgewartet.“

Mitfühlend legte die Contessa eine Hand auf den Arm ihrer Freundin und ergänzte: „Ich gebe heute Abend einen kleinen Empfang in meinem Palazzo zu dem sie beide recht herzlich ebenfalls eingeladen sind. Sie können ja heute Abend meiner lieben Freundin Cheryl ihren hoffentlich positiven Bescheid geben.
Pippo nickte und Lele knurrte: „Wir werden gerne da sein heute Abend. Pfeifen Sie jetzt ihren Lakai rein damit wir für heute Morgen abschließen können“, jetzt an Signora Booth gewandt.
Als sich auf das zweimalige Klingeln der Witwe nichts rührte, stand diese auf und öffnete eine der Verbindungstüren der Suite. Sie stieß einen spitzen Schrei aus und sank zusammen.
Die andern Anwesenden sprangen auf und stürzten zur offenen Tür. Der Anblick im Nebenzimmer war tatsächlich gewöhnungsbedürftig und erklärte die Ohnmacht der Fregatte, wenn es denn eine war (eine Ohnmacht, natürlich, über die Fregattenqualifikation sind wir uns ja einig). Eng umschlungen wie ein Liebespaar lagen Blonnery und Gizeh auf dem weichen Teppich. Von ihrer Umarmung hatten sie allerdings beide nichts mehr. Während Blonnerys Gehirnmasse wie verdorbene Marmelade aus seinem aufgeplatzten Schädel quoll und bereits die Fliegen anzog, machte der verdrehte Hals des kleinen Griechen jegliche Hoffnung zunichte, er könnte noch irgendein Gefühl empfinden. „Mein Gott!“ stöhnte die Contessa und sank zu ihrer Freundin. Wobei die zweite Ohnmacht entschieden echter wirkte als die erste.
„Jetzt kommen wir nicht umhin, die Sbirren anzurufen“, analysierte Pippo. „Bring doch beide Damen über den Hinterausgang zum Palazzo der Contessa! Ich verschaffe mir einen kurzen Überblick über den Tatort und rufe von hier aus in der Questura an. Wir sehen uns dann im Büro!“
Und in der Notrufzentrale der Questura in Siena geht tatsächlich um zehn Uhr siebenundvierzig an diesem Freitagmorgen folgender Telefonanruf ein: „Hallo, ist dort die Questura? Kommen Sie sofort zum Hotel Continental! In Zimmer dreiundvierzig ist ein Mord passiert!“
„Hallo! Wer ist denn da? Wie heißen sie?“
„Kommen sie einfach!“
Und die Leitung war tot.

Während Pippo am Tatort auf Brimbuscas Kompetenzteam wartete scannten seine Augen mit geübtem Blick das Hotelzimmer ab. Plötzlich stutzte er. Auf einer Renaissanceanrichte an der Wand des Hotelzimmers, direkt unter einer wandfüllenden Caravaggiokopie, lag aufgeschlagen ein Notizbuch. Es passte irgendwie nicht ins Bild. Vier Zahlen waren auf der aufgeschlagenen Seite notiert. Vorsichtig hob Pippo den Caravaggio an. Ein Safe kam darunter zum Vorschein. Mit zitternden Fingern gab Pippo die vier Zahlen ein. Sie passten!
Die heulenden Sirenen auf der Bancchi di Sopra kündeten das Nahen der aufrechten Uniformbürger an.

 
19.      Kapitel

Das Dilemma des Autors

 

Und jetzt musst du Eins wissen, lieber Leser. Der Autor dieser Geschichte hat jetzt ein Problem. Und zwar geht es weniger um die Integrität von Philippo Marlotti. Integer ist er schon. Und durchaus korrekt. Und oft auch gesetzestreu. Wenn es denn Sinn macht. Und das tut es ja meistens.
Nein. Es geht natürlich um den Falken. Philippo Marlotti hielt den Malteser Falken in seinen eigenen Händen! Nun war es keineswegs sicher, ob es sich denn wieder einmal um eine Kopie handelte oder um das Original. Und um dies festzustellen war jetzt keine Zeit. In zwei Minuten würden die Beamten vor der Hotelzimmertür stehen.
Sam Spade hatte seinerzeit Brigid O’Shaugnessy zusammen mit dem Vogel den Behörden übergeben. Aber damals hatte es sich um eine Kopie gehandelt. Und das Luder hatte seinen Partner erschossen gehabt. Dieses Mal bestand die Möglichkeit dass er das Original in seinen Händen hielt. Und dies konnte er nur rausfinden wenn er ihn auch tatsächlich in seinen Händen behielt.
Man will jetzt ja niemandem zu nahe treten. Aber wenn der Vogel einmal auf der Questura gelandet war, könnte niemand mehr eine Garantie abgeben wo ihn in Zukunft ein interessiertes Publikum bewundern könnte. In der Asservatenkammer der Polizei? Auf dem Schreibtisch des Herrn Questore? Auf dem Schreibtisch eines Freundes des Herrn Vice-Questore? Auf dem Schreibtisch eines Ministers? Nach einem unerklärlichen und dreisten Einbruch in die Asservatenkammer der Polizei unauffindbar? In seine Einzelteile zerschlagen und auf dem Juwelenschwarzmarkt verhökert? Dem reichen chinesischen Sammler zurückgegeben? Aber dieser hatte ja noch gar nicht Anzeige erstattet. Und war wahrscheinlich auch widerrechtlich in dessen Besitz gekommen.


 

Du siehst lieber Leser. Fragen über Fragen. Und die Leichen lagen eh bereits unnütz in der Gegend rum. Da spielte ein Vogel mehr oder weniger doch keine Rolle, oder? Und sämtliche Zeugen, welche Pippo und seinen Partner mit dem Vogel in Verbindung hätten bringen können offensichtlich nicht mehr vernehmungsfähig. Weder für am Vogel interessierte  noch für die Polizei.

 

Anderseits war da aber auch der pragmatische und gradlinige Pippo. Jetzt den Vogel den Polizisten übergeben. Darauf achten, dass er auch ins Beweisaufnahmeprotokoll Aufnahme findet. Eine plausible Erklärung für die beiden Leichen und die möglichen Zusammenhänge offerieren. Die Dankbarkeit einer reichen Englischen Lady und einer schönen Toskanischen Contessa erhalten weil er beide aus der Schusslinie rausgehalten hatte. Darin würde er auch bei Brimbusca auf keine Gegenwehr stoßen. Und dann ab ins verdiente Wochenende mit seinem Partner! Bei Carlo auf die Terrasse hocken. Cuabas rauchen und Pinello trinken. Den Malteser Falken einen toten Vogel sein lassen. Einen toten Vogel aus massivem Gold. Über und über mit Juwelen und Diamanten verziert. Einen eine mehrhundertjährige blutige Spur hinterlassenden toten Vogel. Den er, Philippo Marlotti, jetzt in seinen Händen hielt. Jetzt in diesem Moment in welchem der erste Polizeieinsatzwagen vor dem Eingang des Hotels angehalten hatte.


Na, lieber Leser?

Jetzt bist du dran! Im Folgenden werden zwei mögliche Enden dieser Geschichte kurz angedeutet. Jeder dieser zwei Alternativen ist ein Link beigefügt. Du musst dich dann entscheiden und einen der beiden Links anklicken. Per Internet-Voting entscheidest somit DU über die Weiterführung dieser Geschichte. Ich werde mich streng an Euren Mehrheitsentscheid halten und die Geschichte entsprechend beenden. Die Minderheitsvotanten werden allerdings auch nicht leer ausgehen. Auf der Special Collectors’ Edition der DVD der Verfilmung dieses Krimis findest du dann unter dem Titel Bonusmaterial ein alternatives Ending, wie es eben auch hätte ausgehen können. (Ja, Söderberg hat bereits für eine Fortsetzung seines Kinohits Geiermord, Pippo und Lele in der Hochfinanz, verpflichtet werden können. Für die Rolle von Manuele Spadoni konnte Brad wieder verpflichtet werden, George gibt wieder Philippo Marlotti. Für die Rolle von Brimbolioni streiten sich im Moment noch Danny de Vito und John Travolta. Beide sind eben auch für die Hauptrolle in eine Verfilmung von Berluscos Autobiographie im Gespräch. In beiden Fällen hat Travolta die besseren Karten wenn es um Impertinenz geht, während De Vito physisch in beiden Fällen authentischer wäre. Mal schauen. Der eine hier, der andere dort. Spielt eigentlich keine große Rolle).
Na, sind wir bereit? Also los!

Alternative A

Hastig stopft sich Pippo die Statue unter die Jacke, steckt sich Blonnerys Notizbuch ein, wischt mit seinem Taschentuch über sämtliche Türklinken sowie den Caravaggio und die Tür des Safes und hastet aus dem Zimmer. Atemlos rennt er den Korridor hinunter und entwischt über den Hinterausgang auf die Feuertreppe im selben Moment, als Brimbuscas Beste aus dem ankommenden Etagenlift in den Korridor stürmen.
Wer dieses Ende vorangetrieben haben will, klickt auf
wwwdotauchpippoundlelesindnurmenschendotcom

 
Alternative B

Pippo stellt den Falken auf den Clubtisch. Er nimmt eine Toscano aus der Tasche seiner Jacke, steckt sie sich in den Mund, zündet sie jedoch nicht an. Gemütlich lässt er sich in einen Sessel fallen und geht noch einmal die Version durch, welche er den ratlosen Beamten auftischen wird, welche jetzt dann gleich rollkommandomässig in Zimmer dreiundvierzig von Sienas teuerstem Hotel einfallen werden. Beide Toten waren Gäste im Hotel La Mostrosità in Chiusure gewesen, wo gestern ein Doppelmord stattgefunden hatte. Die eine der beiden hier undekorativ herumliegenden Leichen hatte gestern in Chiusure Professore Buonuomo um einen wertvollen Kunstgegenstand erleichtert (Beweisstück 1, steht hier auf dem Tisch) und anschließend den Professor und seinen Sekretär umgebracht. Die andere hatte ihn dabei beobachtet, bis hierher verfolgt und versucht, seinerseits den Fetisch in ihren Besitz zu bringen. Dabei haben sich die beiden gegenseitig umgebracht. Andere Beteiligte sind im Rahmen der diskreten Nachforschungen der mit dieser Angelegenheit beauftragten renommierten Detektivagentur nicht aufgetaucht. Über Umfang und Legitimität dieser Ermittlungen möge sich der verantwortliche Beamte bitte bei seinem obersten Vorgesetzten, Herrn Vice-Questore Silvio Brimbolioni erkundigen. Hanebüchen? Ja, sicher. Aber auch nicht allzu weit von der Realität entfernt. Und Pippo hatte (das überrascht uns nun nicht wirklich!) sämtliche Verfilmungen aller Hammett- und Chandlerbücher gesehen, um zu wissen, dass die Polizisten jetzt dann gleich ungläubig dreinschauen würden, anderseits aber auch keine Argumente gegen diese Version finden  würden, und schließlich sogar dankbar eine schlüssige Begründung für diese beispiellose Mordserie akzeptieren würden. Sämtliche vorliegenden Leichen hatten sich gegenseitig eliminiert. Gegenstand der Begierde und somit Motiv sichergestellt. Alles innert 24 Stunden, also höchst effizient. Die eine oder andere Beförderung und Belobigung sicher. Was will man mehr.
Pippo steckte die Toscano in Brand und lächelte zufrieden als die Zimmertür mit einem Ruck aufflog.
Wer dieses Ende vorzieht, klickt auf
wwwdotalleswasgutundrechtistwokämenwirdenndahin?dotcom

Na, lieber Leser! Alles klar?

Kurz überlegen und elektronisch abstimmen bitte. Ich trinke jetzt noch ein Glas Brunello und gehe dann ins Bett. Morgen früh werde ich mir Ihr Abstimmungsresultat zu Gemüte führen und entsprechend weiterschreiben. Gute Nacht!

 

Kapitel 20

In der Denkerklause

 

Als Lele Spadoni gegen Mittag frohgemut ins Büro kommt findet er seinen Partner mit breitem Grinsen hinter seinem Schreibtisch sitzend (na ja, sagen wir liegend) vor, die Füße auf den Tisch gelegt, im Mund eine fette Partagas D4, vor sich ein Glas Rotwein. Auf seinem eigenen Schreibtisch erblickt er ebenfalls ein volles Glas Wein, und daneben eine angebrochene Flasche 1997 Riserva von Gianni Brunelli. Die von der limitierten Ausgabe mit der Botero-Etiquette. Bevor er fragen kann was dies zu bedeuten hätte, zeigt sein Partner mit dem Finger auf die vor ihm stehende Figur. In einem Haufen von abgeschabten Basaltspänen steht das Objekt der Begierde. Die lebensgroße Figur eines Falken, glänzend, schimmernd, gleißend, über und über mit funkelnden Steinen verziert, etwa dreimal so schön wie er ihn sich immer vorgestellt hatte. Pippo reicht ihm ebenfalls eine Robusto und sagte gedehnt: „Ich wollte das einfach mit dir feiern. In einer halben Stunde müssen wir allerdings ein sicheres Versteck für den Vogel gefunden und alle Spuren hier beseitigt haben. Brimbusca wird die Geschichte seiner Häscher sicher nicht vorbehaltlos kaufen und wahrscheinlich verifizieren wollen. Entweder hier oder in seinem Büro. Und während wir dorthin zitiert sind, würde mich eine Durchsuchung unserer Räumlichkeiten nicht wirklich wundern. Prost!
Ja, jetzt wunderst du dich vielleicht lieber Leser. Aber fast siebzig Prozent von euch sind wahrscheinlich korrupt. Aber jetzt bitte keine Umkehrschlüsse. Das Gegenteil von Gutmenschen sind ja auch nicht einfach Schlechtmenschen. Oder SVP-Wähler.
Nachdem das Büro aufgeräumt, der ausgezeichnete Wein getrunken, die Zigarren gepafft und der Vogel versteckt waren, war die Hochstimmung unserer beiden Freunde noch immer bemerkenswert.
„Lass uns wieder mal so richtig fein Essen gehen, das haben wir uns jetzt verdient!“ meinte Lele.
„Eigentlich können wir uns ein Essen im Restaurant nicht leisten. Hast du auch Ebbe in der Kasse? Und der momentane Auftrag ist ja auch kein bezahlter. Also müssten wir jetzt folgerichtig und verantwortungsbewusst handeln. Sandwichs tun es doch auch! Ich ruf mal in der Logge an und bestelle einen Tisch.“ Pippo war wie immer die Konsequenz in Person.
„Gut gedacht Sherlock. Und vorher genehmigen wir uns einen schönen Aperitif im Liberamente! Und den Check der Englischen Fregatte hast du ja eingelöst, oder?“
Gesagt getan. Die Flasche Satén von Muratori Fratelli war dann mehr als angebracht. Und Lele erzählte seinem Freund, dass er die beiden Damen wohlbehalten im Palazzo Steccanini versorgt hätte. Bei seinem Hinausgehen hätte die Contessa ihre Einladung für die abendliche Cocktailparty erneuert.

„Es geht uns doch eigentlich ganz gut, mein lieber Watson, meinst du nicht auch?“ entgegnete Pippo und hob sein Glas.
Die lukullischen Verwöhnungen in der Logge waren dann auch nicht von Pappe. Und da beide ihr Handy ausgeschaltet hatten bekamen sie auch nicht mit, dass ein verzweifelter Vice-Questore Erleuchtung von Ihnen suchte. „Habt ihr besondere Wünsche oder führe ich Euch durchs Menü?“ fragte Mirko und brachte ungefragt aber keineswegs unwillkommen zwei Glas vom ausgezeichneten Soave von Tamellini an den Tisch.
„Nein nein, wir begeben uns heute ganz in deine begnadeten Hände“, meinte Lele und kostete vom fruchtigen Weißwein. Beeindruckt nickte er zuerst Mirko, dann Pippo zu und räkelte sich wohlig in seinem Sessel.  Pippo nahm ebenfalls einen Schluck, prostete Mirko anerkennend zu und bedeutete diesem, dass von nun an alles eine Zugabe war. War es dann auch! Die Antipasti waren eine Salatphantasie von hauchdünn geschnittenen, in einem uralten Balsamicoessig marinierten Langustenschwänzen und Babytintenfischchen, angerichtet auf einem gerösteten Stück Brot und mit dem feinen Olivenöl von Gianni Brunelli beträufelt. Dessen Öl es ohne weiteres mit dem ausgezeichneten Extravergine von Carlo del Pino aufnehmen konnte, wie die beiden ansonsten sprachlosen Lukulliker befanden. Einen kurzen Kommentar konnte sich Lele dennoch nicht verkneifen: „Zweifellos die besten Crostini meines Lebens“, hauchte er und wischte mit einem Stück Brot den letzten Rest seines Tellers sauber.
Der Primo war dann nochmals eine Steigerung. Sofern dies überhaupt möglich war. Aber die handgemachten Tagliatelle, großzügig mit feingehobeltem Trüffel vom Monte Amiata bestreut, dazu wieder Giannis Olivenöl, waren die Quintessenz der Seneser Küche: einfach, beste Zutaten, perfekt zubereitet. Und der von Mirko dazu gereichte Wein: Le Pergole Torte von Tua Rita, die vielleicht perfekteste Verkörperung der Sangiovesetraube, klammert man Montalcino einmal aus. Kein Einwand aus dem Mund der beiden Genießer. Der Secondo war dann wirklich etwas ganz spezielles. Ein Scoglio aus Branzinofilets, Riesencrevetten, Tomaten und Miesmuscheln, mit Wodka flambiert, offenbarte eine Verheiratung von Düften und Geschmacksnoten, wie sie nur wenige begnadete Köche hinbekommen. Und Mirko hatte glücklicherweise, und gar nicht überraschend, eine zweite Flasche Pergole Torte am Tisch, bevor lautstark danach skandiert werden konnte.
Den Dessert schenkten sich unsere beiden Helden dann, lehnten allerdings den von Mirko offerierten 18-jährigen Aberloich nicht ab. Ebenso wenig die zum Kaffee gereichten Robustos von Vegas Robaina, welche sie, zusammen mit dem Wirt, in großzügiger Auslegung der neuen Nichtrauchergesetze, in der nunmehr verwaisten Gaststube genossen.
Zufrieden und mit vollen Bäuchen kehrten sie gegen vier Uhr in ihr Büro zurück und die nervös blinkende Lampe des Anrufbeantworters konnte sie nun wirklich nicht aus der Ruhe bringen.
Während sie anschließend die Via di Città hinaufspazierten stimmten sie eine einigermaßen plausibel klingende Version der Ereignisse  miteinander ab und sie betraten frohgemut die Questura.

Ihr Lieblingsbeamter thronte hinter seinem Schreibtisch und musterte die zwei mit zu Schlitzen verengten Augen.
„Na. Signor Vice-Questore, können wir Ihnen zur erfolgreichen Aufklärung der ersten Mordserie in der Geschichte der Provinz Siena gratulieren? Und das alles innert vierundzwanzig Stunden?“ skandierte Lele, bevor Brimbusca den Mund aufmachen konnte. Dieser machte dann zwar seinen Mund auf, aber dieser blieb offen stehen, und kein Ton kam über die Lippen. Wie eine Kaulquappe schnappte er nach Luft.
„Lassen sie mich raten! Der Questore hat sie bereits belobigt, vier Morde sind aufgeklärt. Die Presse konnte bisher aus dem Spiel gehalten werden. Prominente und Rotaryclubmitglieder sind nicht exponiert worden, aber der Schlussbericht bedarf noch einigen Inputs?“ sekundierte Pippo.
Der Mund des Vice-Questore blieb offen.
Sein Gesicht lief rot an.
Violett.
Blau.
„Commissario!“ rief er schließlich, und ein schlanker, mürrisch dreinblickender Mann um die Fünfzig erschien in der Türe. „Führen sie die beiden Herren ab! Einzelhaft! Obstruktion und Behinderung und Vereitelung von amtlichen Handlungen! Stimmen Sie die Details mit der zuständigen Staatsanwältin ab!“
Widerstandslos und ohne Worte standen unsere beiden Freunde auf und folgten dem Commissario aus dem Büro. Dieser schloss sorgfältig die Tür hinter ihnen und wie auf Kommando prusteten alle drei los.
„Brauchst du noch einige Einzelheiten für deinen Bericht oder blickst du durch, Giovanni?“ fragte Pippo.
„Nein lass nur!“ entgegnete dieser. „Aber lasst euch am besten für etwa zwei Wochen nicht mehr in der Questura blicken!“
Und Pippo und Lele fanden, dass sie nun eine weitere Flasche Satén mehr als verdient hatten und steuerten wieder das Liberamente an.

 

Kapitel 21

Eine Cocktailparty der Oberklasse

 

Die Halle des Palazzo Steccanini-Orelli war kleiner als ein Fußballfeld. Mehr so wie ein Tennisplatz. Nicht etwa dass sich unsere beiden Helden darin verloren vorgekommen wären, wo denkst du da hin! Der allmonatliche Cocktail-Empfang der Contessa war in Siena das Topereignis. Und so drängten sich an diesem Samstagabend die Habitués und Must-Be-Seens der Seneser Szene in ihrer lauschigen Lounge als wenn es kein Morgen mehr gäbe. Und mit ihnen die üblichen Schnorrer und Cüplikonsumenten. Der Questore war natürlich anwesend. Und eben unvermeidlicherweise auch halbseidiges wie der hochverehrte Herr Vice-Questore. Was im vorliegenden Fall vielleicht sogar von Vorteil war, ließen sich doch so einige, sagen wir mal interpretationsbedürftige Missverständnisse sozusagen pressegerecht formulieren. Das Ambiente ermöglichte auf alle Fälle eine Aussprache auf Augenhöhe, befand Pippo jedenfalls und bedeutete seinem Partner, sich doch einmal im Umfeld der Contessa über den Verbleib der Englischen Witwe zu erkundigen, während er sich, ein Glas Brunello in der Hand und sein unschuldigstes Lächeln aufgesetzt, Sienas erfolgreichstem Polizisten unter die Scheinwerfer stellte. Was diesem sichtlich unangenehm war, versuchte  er doch gerade mit eher zweifelhaftem Erfolg, seine nichtvorhandenen Reize der amtierenden Miss Siena schmackhaft zu machen. Deren erleichtertes „Pippo! Schön dich zusehen! Es gibt also doch noch richtige Männer auf dieser Party!“ steigerte die Stimmung von Brimbusca natürlich auch nicht in übertriebenem Masse.
„Marlotti! Schön sie zu sehen!“ markierte er, sichtlich um Contenance bemüht. Was ihm allerdings vortrefflich gelang, war doch diese Tätigkeit schließlich mehr oder weniger sein Lebensinhalt.
„Wir sehen uns Pippo!“ flötete die Schöne und schwebte davon, anderen viel versprechenden Sponsoren entgegen. Die beiden Herren, gewollt vom Einen, zum Missfallen des Andern, waren unter sich.

Derweilen Samuele Spadoni, einen Mojito in der einen, eine Cohiba in der andern Hand, lässig an eine Säule gelehnt, die Anwesenden eher gelangweilt als interessiert einen nach dem andern musterte. Da gab es doch einiges Volk, welches die Luft völlig unnütz zerteilte Und dann all diese Angestrengtheit! Der da zum Beispiel mit dem bordeauxroten Cordhemd, dem schwarzen Samtblazer und der viereckigen Brille: zweifellos ein Architekt. Oder die Ansammlung der üblichen Vertreter aus dem Rathaus: eigentlich alles lobomatisierte Arschlöcher, wenn man es einmal diplomatisch formulieren wollte. Da war doch die silikonverstärkte Blondine am rechten Rand seines Blickfeldes schon eher nach Leles Geschmack. Deren Bluse hatte wirklich alle Hände voll zu tun!

„Na Herr Spadoni!“ riss ihn eine rauchige Stimme aus seinen lüsternen Gedanken, „amüsieren sie sich denn?“ Die Gastgeberin war unbemerkt an ihn herangetreten und vermochte die soeben noch angestarrte Blondine ohne weiteres in Vergessenheit drängen. Flutsch, weg, von der Festplatte gelöscht.
„Sind sie sicher, dass sie diese Datei wirklich löschen wollen?“
„Ja“.
 „Wirklich sicher?“
„Ja!“
Die Contessa trug ein fast bodenlanges Seidenkleid aus elfenbeinfarbener Seide, welches ihren wahrscheinlich makellosen Körper völlig verhüllte, aber sie gleichzeitig mehr ent- als bekleidete. Darunter trug sie nichts, soviel war unschwer festzustellen.
„Gepriesen sei der begabte Schneider!“ stammelte Lele. Und die Contessa überhörte ihn geflissentlich.
„Meine Freundin Cheryl und ich würden uns freuen, wenn sie und ihr Partner nach der Party noch einige Augenblicke Zeit für uns hätten. Cheryl ist es sehr daran gelegen, mit Ihnen sämtliche Details abzustimmen bevor sie morgen nach England zurückreist und mit den Britischen Behörden die Einzelheiten zum Tod ihres Ehemannes regeln muss.
Und dann möchte ich mich ganz persönlich bei Ihnen für Ihre Umsicht und Diskretion bei der Behandlung dieser heiklen Angelegenheit bedanken. Aber dies können wir gerne ohne ihren Partner und ohne meine Freundin machen. Ich bin sicher, wir zwei finden dafür die entsprechende Zeit und den entsprechenden Ort. Allerdings, ein bisschen klein sind sie schon geraten, muss ich sagen!“
„Das nächste Mal komme ich auf Stelzen rein und werde ein weiße Krawatte tragen und einen Tennisschläger unterm Arm.“
„Ich bezweifle ob es viel helfen würde.“
Sprachs und schwebte davon, unsern Freund mit hochrotem Kopf und enger Hose an seiner Säule zurückgelehnt stehen lassend.
Folgendermaßen. Lele war schließlich auch nur ein Mensch. Und nicht nur er, wie sich alsbald herausstellte. Als er nämlich, mit einen frischen Glas Mojito bewaffnet, zur Abkühlung seines etwas überhitzten Getriebes auf die Terrasse hinaustrat, hörte er hinter einem riesigen Buchsienbaum, sinnvollerweise zu einem Amor zurechtgestutzt (aber dies bemerkte Lele nun wirklich nicht) die nun bereits vertraute rauchige Stimme:
„Nun komm schon her, du verruchter Lümmel! Ich werd dich schon nicht fressen. Obwohl, wenn ich es mir so recht überlege“, seufzte sie, als er, der Stimme folgend, in ein Séparée hinter dem Buchsienbaum getreten war, „eigentlich ist es genau das was ich will!“
„Was denn?“, Leles Frage war zwar rhetorisch gemeint, aber die Contessa, ihr aufreizendes Chassis wirkungsvoll auf eine Chaiselongue drapiert, ließ nun nichts mehr anbrennen.
„Na, dich fressen natürlich“, gurrte sie und zog ihn an seinem Schlips zu sich runter.

****************

 

Derweilen Pippo das Seinige tat, um den verletzten Stolz von Sienas erfolgreichstem Polizisten wieder ins Lot zu rücken. Jedenfalls schien das Kriegsbeil wieder begraben zu sein, als sich Pippo endlich wieder einem sympathischen Partygast zuwenden konnte. Was doch einige Schmeicheleien und geschickt platzierte Indiskretionen bewirken konnten!
Auf alle Fälle hatte auch Signor Marlotti einige erfolgversprechende Handynummern notieren können, als er von der Gastgeberin in ein Séparée gebeten wurde, wo er von der Englischen Fregatte und von seinem sehr blasiert und gelangweilt dreinschauenden Partner bereits erwartet wurde.
„Meine Herren, sie haben überzeugende Arbeit geleistet“, ergriff Mrs. Booth das Wort. Wie mir meine Freundin“, anerkennend prostete sie mit ihrem Champagnerglas dem jüngsten Spross derer von Steccanini-Orelli zu, „erklärt hat, sehen die italienischen Behörden keinerlei Verwicklungen meines bedauernswerten Ehemannes oder von mir in dieser bedauerlichen Mordserie, welche Siena heimgesucht hat in den letzten Tagen. Gemäß dem untadeligen Herrn Questore waren wir nicht einmal hier. Dass sie den schwarzen Vogel nicht haben für mich beschaffen können will ich ihnen nachsehen. Allerdings werden sie mit den bereits ausbezahlten viertausend Euro vorlieb nehmen müssen, eine Sonderprämie liegt natürlich nicht mehr drin!“
„Nun ja, nachdem wir heute Abend keine Eintrittsgelder haben entrichten müssen, sind auch keine übermäßigen Spesen angefallen“, erwiderte Pippo galant. „Meinst du nicht auch, mein Freund und Partner?“
Lele erhaschte gerade noch rechtzeitig einen etwas überhitzten Blick der Contessa und nickte nur.
„Dann wünsche ich ihnen beiden alles Gute und sage farewell“, deklamierte die Fregatte und drehte sich demonstrativ zum Fenster, die Audienz offenbar für beendet erklärend.

„Contessa, es war uns ein Vergnügen!“ erklärte Pippo jovial zur Gastgeberin, die Engländerin keines Blickes mehr würdigend und schritt zur Tür. Lele ließ seinen Handrücken leicht über den linken Kotflügel der Gräfin streichen und folgte seinem Partner nach draußen.
In der Halle waren einige Bedienstete damit beschäftigt, die Spuren des Überfalls der Partygänger Sienas auf die ehrwürdigen Hallen der Steccanini-Plozzi zu beseitigen. Ansonsten war alles ruhig

 

 

Kapitel 22

Samstagmorgen

 

Der schönste Platz Italiens war noch ruhig und beinahe menschenleer. Ein einsames Reinigungsfahrzeug der Stadtwerke wurde gemächlich der Überreste der gestrigen Touristeninvasion und darauf folgenden Belagerung des Campo durch das einheimische Partyvolk Herr. Lele Spadoni hatte sich vor der Bar Il Campo mit den Wochenendzeitungen eingerichtet, schlürfte genüsslich seinen zweiten Café und ließ den Lieben Gott auf Tausend zählen. Wobei die Qualität des Cafés diejenige des dazugereichten Brioche weit übertraf. Aber was will man machen!

Der Italienische Premierminister hatte wieder einmal eine Vertrauensabstimmung mit einer Stimme Mehrheit überstanden. Der einen Stimme, welche der Oppositionsführer zum wiederholten Mal nicht hatte kaufen können. Obwohl er doch die 22-jährige Freundin eines prinzipientreuen Senatore erfolgreich hatte bei der RAI unterbringen können.

Der Britische Premierminister tat das Seine, den  unaufhaltsamen Abstieg seines Rückhalts in der Bevölkerung nicht zu bremsen. Sein Vorgänger war gemäß üblicherweise wohlinformierter Quellen in einer geheimen Friedensmission im Nahen Osten unterwegs. Wie bitte? Lele las noch mal. Der Britische Ex-Premierminister Antony Booth war in geheimer Friedensmission in Israel, Ägypten, Jordanien und Palästina unterwegs. Lele las die Meldung zur Sicherheit nochmals: „Der britische Ex-Premierminister Antony Booth war in einer geheimen Friedensmission im Nahen Osten unterwegs.“ Na also, geht doch!

Der italienische Mittelstürmergott Luca Toni fühlte sich wohl in Monaco di Baviera. Hatte sich auch Giovanni Trappatoni seinerzeit. Aber diesmal glaubte man es auch. Luca Toni schoss weiterhin Tore am Fliessband wie in allen seiner bisherigen Stationen. Und musste keine Interviews auf Deutsch geben. Bezog also seinen Unterhaltungswert quasi nur aus seinen sportlichen Taten. Da hatte der Trap seinerzeit natürlich mehr und schillernderes geboten. „Was glauben Strunz? Wenn wollen sehen Bewegung in Fischnetz müssen gehen auf Fischmarkt. Ich habe fertig!“

In der Schweiz hatte das Parlament einen amtierenden Minister abgewählt. Wobei die Tatsache, dass es endlich geschehen war, weniger enttäuschte, als vielmehr wie der Geschmähte und seine Jünger völlig undemokratisch damit umgingen. Die Brandrede des Ministers zu seiner Abwahl war ebenso wenig staatsmännisch wie die keifenden Worte seines Fraktionschefs irgendetwas mit Demokratieverständnis zu tun hatten.
Undemokraten.
Polemiker.
Volksverdummer.
Allerdings mit dreißig Prozent Wählerstimmen eine bedeutende Minderheit verkörpernd. Also die zweitgrößte Minderheit im Lande. Die größte war mit fünfzig Prozent die Lega der Stimmabstinenten. Und mit dreißig Prozent der abstimmenden Bürger verfügte dem heiligen Christoph ihm sein Protestgrüppchen folglich über fünfzehn Prozent des Bürgerwillens.  Verhielten sich allerdings wie wenn sie eine Mehrheit hinter sich wüssten. Und wenn man sich die hunderte von vor Fehlern strotzenden applaudierenden Leserbriefe in den Gazetten des Landes zu Gemüte führte, eine gefährliche, weil in Ihrer Verblendung und Dummheit leicht zu manipulierende Minderheit. Die monatlich wuchs, waren doch die Bauerfängerthemen ihrer Verführer einfach und wirkungsvoll: Angst vor Überfremdung, Ausländerhass, vermeintlicher Sozialmissbrauch durch illegale Ausländer, kurz, das allseits bekannte Fischen im braunen Mief.
Heiliger Christoph wurde der Messias übrigens deshalb genannt, weil die Polemikergruppe noch über einen andern Christoph verfügte, den giftigen Christoph. Dieser diente als Einpeitscher und Phrasenlehrer. Einmal wöchentlich mussten gewählte Volksvertreter der Partei bei diesem antraben und wurden dann mittels Gehirnwäsche auf den parteikonformen Polemikerkurs gebracht. Und drei schlagwortartige Sätze gingen ja nun wirklich in das unbedarfteste Parteihirn. Welche sie dann im Stil von Synchronschwimmern landesweit in jedes Mikrophon deklamierten. Böse Zungen munkeln, dass nun einige von ihnen, ihres Messias im Bundesrat beraubt, die leere Zeit nützen und ihren Primarschulabschluss nachholen. Viel Zeit bleibt ihnen nicht mehr. Wenn man bedenkt, dass die Eydgenössische Volksverdummerpartei, nun auf Dreißig Prozent Wählerstimmen, nur noch wenig von den zweiunddreissigkommavier Prozent entfernt ist, welche die NSDAP 1934 hatte. Nördlich des Rheins, aber trotzdem. Aber vielleicht kommt ja alles anders. Innerhalb der Partei macht sich bereits eine Verschiebung bemerkbar. Als Chefideologe scheint der giftige Christoph vom unseligen Gerhard abgelöst zu werden. Und vernünftige Kräfte in der Partei haben Dissidierungsphantasien. Wobei es in diesem Fall nicht die Ratten wären, welche das sinkende Schiff…

Aber dem Lande war ein Dienst erwiesen worden von einem weitsichtigen und verantwortungsbewussten Parlament. Lele musste schmunzeln. Der Minister hatte selbst vor vier Jahren seine Vorgängerin aus dem Amt gedrängt, damals die allererste Abwahl eines amtierenden und sich zur Wiederwahl stellenden Bundesrates in der Schweizer Geschichte.
Die Entrüstung im Land war damals überschaubar gewesen, hatten doch einige Verantwortliche Angst vor möglichen Fauxpas der potentiellen Bundesratspräsidentin. Zu welcher sie turnusgemäß gewählt worden wäre damals. Gerüchten zufolge hatte sogar das japanische Außenministerium ihre Abwahl angeregt.
Doch das ist eine ganz andere Geschichte.
Die dich nicht interessiert, lieber Leser.
Was?
Doch?
Also gut!
Jetzt musst du nämlich wissen, der damals abtretende Bundesratspräsident, ein gewisser Schoseff, ein Parteikollege des abgewählten Ruthli, war damals in seinem Präsidialjahr  mit seiner Frau auf Staatsbesuch in Japan gewesen. Und dort vom japanischen Thronfolgerpaar empfangen worden. Und nun hatte die Babette, das ist die Frau vom Schoseff, im Flieger wahrscheinlich Cüpli getrunken anstatt das Briefing der Beamten gelesen. Und dann beim offiziellen Empfang die Eingangshallen zum Palast im Laufschritt durchquert und der verdutzen Prinzessin links und rechts einen Kuss auf die Backe gedrückt. Der unberührbaren. Die stammen ja direkt von den Göttern ab, diese Tennos und Tenno-Nachkommen und deren Angeheirateten. Und sind dann eben unberührbar. Oder waren es wenigstens bis zum Auftritt der Babette. Ob sich jetzt die Japanische Prinzessin anschließend ihre Backen hat rausschneiden lassen wissen wir nicht. Aber seither geisterte durch die japanischen und schweizerischen Außenministerien die Angst, die Nachfolgerin im Amt, eben unser Ruthli, könnte sich noch steigern und ihren Vorgänger übertrumpfen wollen. Als sportlich veranlagte Frau hätte sie dann wahrscheinlich den Tenno angehechtet und ihn auf ein Sofa gequetscht. Aber dazu kam es ja dann eben nicht, da sie ja vor vier Jahren abgewählt wurde. Wie eben jetzt ihr Nachfolger. Gott sein Lob und Preis.

 

Gesellschaftsnachrichten. Der Österreichische Bundeskanzler hat den Schweizerischen Verteidigungsminister als Ehrengast an den nächsten Opernball eingeladen. Lele schüttelte sich. „Maremma Maiala!“ stöhnte er. „Vor einem Jahr die Paris Hilton und jetzt der Sämi! Der Opernball war doch mal ein gesellschaftliches Ereignis! Lang ist’s her! Fehlt nur noch, dass nächstes Jahr das Duo DJ Ötzi und DJ Bobo die Wiener Philharmoniker ersetzen!“

 

Eine kleine Notiz im Corriere di Siena war dann allerdings schon eher interessant: in einer Detektivagentur in Siena war eingebrochen worden. Die Täter hatten alles durchsucht und auf den Kopf gestellt und scheinbar alles, was nicht niet- und nagelfest war, mitlaufen lassen. Der Mitinhaber der Firma am Campo Nr. 10, Herr Philippo M. hatte der Polizei scheinbar zu Protokoll gegeben, dass auch “einige Erinnerungen von unschätzbarem Wert“ sich unter den geraubten Gegenständen befunden hätten. Lele wurde schlagartig wach. Aber noch bevor sein Hirn unnütze Windungen erforschen konnte, setzte sich mit einem Schmunzeln sein Partner neben ihn. „Camariere, due Café“, rief er zur Bar und sein Grinsen wurde noch breiter.

„Erkläre ich dir gleich, die Sache mit dem Einbruch“, sagte Pippo, „aber zuerst muss ich noch karitativ tätig werden!“ Sprachs und wandte sich der hübschen Blondine zu, welche am Nebentisch verzweifelt Kurznachrichten in ihr Handy tippte.
Lele hätte sich ohrfeigen können! Hatte er doch tatsächlich die hübsche Touristin übersehen, welche nur einen Meter entfernt von ihm wer weiß wie lange schon sein edles Profil bewundert hatte! Und jetzt würde Pippo dann seinen „zuerst gesehen-zuerst-angesprochen-Anspruch anmelden! „Geschieht mir recht! Einen lauschigen Samstagmorgen mit Zeitungslesen vergeuden!“ schalt er sich.
Aber Pippo erwies sich als der gute Freund, welcher er nun einmal war und winkte Lele zum Tisch rüber. „Anna ist ein Gast aus der Schweiz und hatte gestern Abend eine Reifenpanne im Chianti. Und jetzt steht ihr Auto in einer Werkstatt und Anna sitzt hier und weiß nicht wie sie denn ihre Freundin am Nachmittag vom Bahnhof abholen soll, stimmt’s Signorina?“
Täuschte sich Lele oder errötete das süße Fräulein?
Anna war tatsächlich ein bezauberndes Wesen. Halblange blonde Haare umrahmten ein ovales Gesicht mit leuchtenden rehbraunen Augen welche unter fein geschwungenen Brauen herausfordernd und trotzdem scheu unsere beiden Freunde musterten. Ihr kleiner Mund mit seinen feinen wohlgeschwungenen Lippen zog Lele sofort in seinen Bann. Und dieses scheue und doch irgendwie herausfordernde Lächeln! Und ihre Stimme war noch süßer! „Wie kann man so sanft sprechen ohne kitschig zu wirken!“ schoss es Lele durch den Kopf, als die Angebetete ein Hallo in seine Richtung flüsterte.
„Ja, scheinbar bin  ich auf fremde Hilfe angewiesen“, ergänzte sie und schlug ihre Beine übereinander. Sicher unabsichtlich. Denn wie konnte sie denn wissen, dass Lele schlicht überfordert war mit der Wahl seines Blickwinkels. Sollte er jetzt auf die wohlgeformten schlanken Beine schauen oder in ihrem zwar nur angedeuteten Décolleté ertrinken? Der tief ausgeschnittene, enge schwarze Pullover half auch nicht richtig weiter. Lele besann sich gerade noch rechtzeitig auf seine gute Erziehung und konzentrierte sich wieder auf die strahlenden rehbraunen Augen. „Taxidienst am Nachmittag zum Bahnhof, kein Problem!“ stammelte er und hatte sich beinahe wieder gefangen. Aber nur für kurze Zeit. Denn Anna wusste scheinbar was sie wollte. „Habe ich mir doch gleich gedacht, dass sie ein Gentleman sind, als ich sie so in ihre Zeitungen vertieft beobachtet hatte“, säuselte die Angebetete. Jetzt war es an Lele, seine Beine übereinanderzuschlagen und zu versuchen, sich einen unbeteiligten Anstrich zu geben. Was wohl nur teilweise gelang, wenn man das amüsierte Grinsen von Pippo zum Maßstab nahm.

 

Unsere süße Anna ließ sich allerdings nichts anmerken und schenkte beiden Freunden ein treuherziges Lächeln. „Wenn sie mich um drei Uhr in meinem Hotel abholen und dann zum Bahnhof bringen könnten wäre ich ihnen wirklich dankbar“, meinte sie treuherzig. Und wenn meine Freundin nicht zu müde von ihrer Reise ist, würden wir sicher gerne das Angebot Ihres Partners annehmen.“ Auffordernd schaute sie zu Pippo rüber.
„Na ja, meinte dieser, ich habe halt offeriert, dass wir den beiden Damen gerne Siena zeigen würden heute Abend. Du hast ja sicher nichts Besseres vor an einem gewöhnlichen Samstag, nicht wahr Lele?“ „Nein, sicher nicht!“ stammelte dieser und war richtig froh als der Kellner wie gerufen in diesem richtigen Moment an ihren Tisch tat und sich erkundigte ob er noch etwas bringen dürfe. Durfte er, durfte er!

 

„Wie ein Schulbub!“ schalt sich Lele, aber Anna schien dies überhaupt nicht zu stören, im Gegenteil! Und das süffisante Lächeln seines Freundes Pippo half ihm auch kein bisschen aus der Bredouille. Da schaute er doch lieber in die treuherzigen Augen der Angebeteten als sich von seinem Freund verlegen zu machen. Wer war er denn! Samuele Spadoni, Schwarm aller Gymnasiastinnen Sienas! Was allerdings auch schon wieder fast zwanzig Jahre her war. Aber gelernt ist gelernt!
„Dann würde ich sagen, drei Uhr vor ihrem Hotel, Cabriolet-taugliche Kleidung, ihre Freundin abholen, anschließend Fahrt zum romantischen Countryhotel eines lieben Freundes, Aperitif am schönsten Swimming Pool der Toscana und dann Abendessen im besten Restaurant Sienas?“
Anna blickte fragend zu Pippo rüber.
„Leles Standardprogramm“, erwiderte dieser. „Villa del Pino, gefolgt von Osteria Le Logge, anschließend bestimmen die Damen den Abschluss des Abends. Aber keine Angst, hinter diesem seinem Programm kann ich stehen, schließlich war ich es, welcher es ihm beigebracht hat.“
Anna schien befriedigt und lächelte treuherzig von einem zum andern. Welchen das Herz bis zum Hals schlug. Dem einen wie dem andern.


 

„Also was hast du mir zu erzählen über diesen Artikel im Corriere“, fragte Lele seinen Partner, als sie wieder an ihren Tisch zurückgekehrt waren.
„Du meinst die Geschichte aus Colle, wo ein Wirt einen Gast umgebracht hat?“
„Hab ich wohl übersehen. Hatte was anderes gemeint, aber erzähl mal, ist auch interessant!“
„Nun ja, die übliche Sache. Ein Schnäppchenjägertouristenpaar. Bestellt einen Tisch in einem der teuersten und angesagtesten Speiselokale der Provinz. Beste Essenszeit. Rappelvoll. Nimmt sich sofort beim Eintreten einige Ansichts- und Visitenkarten des Lokals um anschließend bei Bekannten protzen zu können wo man gewesen sei. Bestellt dann, nicht ohne eingehend die Speisekarte studiert zu haben, einen Teller Spaghetti („bitte mit zwei Gabeln“), einen kleinen Salat, 1 Mineralwasser („nur ein Glas“), sowie ein Glas Wein („nur ein Glas bitte, Sie haben doch offenen?“). Auf die korrekt und anständig vorgebrachte Bemerkung des Kellners, dass man ein Speiselokal sei, ausgebucht, und andere Gäste welche durchaus essen wollten hätte zurückweisen müssen blafft man zurück, dass man auch Gast sei und halt nur einen kleinen Hunger habe („sachenzemalwarum steht noch kein Brot auf dem Tisch das ist doch bei ihnen sicher inbegriffen!“). Der auf einen Wink des Kellners herbeigeeilte Wirt hört sich geduldig die Reklamation über den süffisanten Kellner an, steckt kommentarlos die Weinkarte wieder ein („bringen sie mir einfach ein Glas normalen Landwein, nicht ein überteuertes Schickimickiprodukt, werdenzewohlhabennichtwahr!“) und entfernt sich. Zwei Minuten später ist er mit einer Flasche Rotwein am Tisch zurück welche er umständlich und elegant entkorkt. „Versuchen sie den mal“, meint er zum impertinenten Gast, „wir nennen ihn Unkrautvertilger“ und schlägt diesem die Flasche über den Schädel.

Gute Geschichte, gell? Aber zum Artikel über den Einbruch am Campo. Hab ich Mauro, dem Lokalreporter vom Corriere, gesteckt. Er hat mir noch einen Gefallen geschuldet. Ich dachte, wenn die Meldung durchsickert und suggeriert wird, dass man bei uns eingebrochen hat und etwas Wertvolles hat mitlaufen lassen, werden wir in Zukunft hoffentlich von Falkenjägern verschont.“
„Ist schon clever. Aber glaubst du wirklich, das reicht?“
„Nun, ich habe auch noch Ginestra dieselbe Information vertraulich zukommen lassen“
„Das ist nun wirklich clever, ich glaube so funktionierts! Was meinst Du, gehen wir ins Liberamente rüber zu einer Flasche Franciacorta?“

Nun musst du nämlich wissen, lieber Leser, Ginestra wird von seinen Freunden der bestens vernetzte Antiquitäten- und Kunsthändler Adelio genannt, welche echte und gefälschte Ware aus Asien und Afrika anbietet. Die Meldung, durch ihn über sein weit verbreitetes Netz gestreut, dass zweien seiner Freunde leider bei einem Einbruch ein wertvoller Fetisch abhanden gekommen war, dürft wirklich die angepeilten Adressaten erreichen. Mal hoffen dass es klappt!

Pippo beugte sich galant zur immer noch verzweifelt ihr Handy malträtierenden Schweizer Touristin und flötete:“ Verehrte Signorina, dürfen wir Sie nebenan zu einem Aperitif einladen während Sie (und wir, aber das dachte er nur) auf den Rückruf Ihrer Freundin warten?“

Und wieder rüber ins Liberamente. Und schon wieder eine Flasche Satén. Und diesmal erst noch in netter Gesellschaft. Das Leben ist hart. Aber irgendwer muss es ja schließlich leben, sagten unsere Freunde und genau dies taten sie eben.

 

Kapitel 23

Brainstorming der gehobenen Art

 

Einige Tage später.
Europas Crème der ermittelnden Zunft räkelte sich in den Teakholzmöbeln auf der gemütlichsten Hotelterrasse der Toscana und bewunderte Carlos neuste Skulptur. Ein schwarzer Falke thronte am Rand des schönsten Swimming Pools der Toskana.
„Wie wenn er Durst hätte“, meinte Samuele Spadoni.
„Hat er ja auch, er ist weit rumgekommen“, erwiderte Philippo Marlotti.

„Sagt mal, muss ich eigentlich befürchten, dass nächstens ein fanatischer Sammler herkommt und meine neue Skulptur klaut?“ Carlo kam mit einer neuen Magnum Pinello an den Tisch.

„Das glaube ich nicht“, entgegnete Pippo. Sämtliche Jäger dieses verlorenen Schatzes zählen die Rübensetzlinge von unten. Und Sienas feinste ermittelnde Beamten haben nie mitgekriegt worum es in dieser Geschichte eigentlich ging. Und wir sind sehr diskret vorgegangen im vorliegenden Fall.“

„Bleiben allerdings die sizilianischen Mafiosi. Die so genannten Vertreter einer Baufirma aus Palermo welche ebenfalls in der Mostrosità genächtigt hatten. Die könnten gefährlich werden.“ Lele war nachdenklich und besorgt.

„Das glaube ich nicht“, murmelte Salvo Montalbano. „Schaut, das ist so. Während einer gestern Abend völlig überraschend durchgeführten Razzia der Carabinieri im Hauptsitz der Baufirma wurden dort Kokain und Heroin in einer Menge gefunden, welche die netten Herren für mindestens sechs Jahre aus dem Verkehr ziehen wird. Sind alle verhaftet worden. Nimmt mich schon wunder woher denn die Carabinieri diesen anonymen Tipp gekriegt hatten!“

Was Montalbano nicht erwähnte war natürlich die Tatsache, dass er mit seinen Beamten Fazio und Galluzzo die toskanische Abwesenheit der Baufirmaexponenten für einen nächtlichen Besuch von deren Büroräumlichkeiten genutzt hatte. Welchem ein ebenso geheimer Besuch in der Asservatenkammer der Konkurrenz in Montelusa vorgegangen war.

„Ja, das Leben ist manchmal hart“, seufzte Lele.

„Aber nur für den welchen es trifft“, sekundierte Pippo.

Rundum zufriedenes Seufzen.

 

„Sagt mal, könnt ihr mir ein bisschen helfen?“ schaltete sich Carlo ins Gespräch ein. „Mein Verleger sitzt mir im Nacken. Ich muss bis Ende Monat die nächste Geschichte abliefern und habe noch überhaupt keine Idee.“

„Wie wär’s denn mit einem international verzwickten Fall in den alle hier Anwesenden irgendwie verwickelt werden?“ Lele war wie immer äußerst hilfsbereit, hielt aber auch sofort wieder sein Rotweinglas in Richtung Wirt. Es war schon wieder leer.

„Genau“, nahm Pippo den Faden auf. „Lorenzo La Marca besucht seinen Freund Corrado Scalzi in Florenz.“

„Und bei einem Spaziergang durch die Boboligärten finden sie eine Leiche in einem Teich“, ergänzt dieser. „Mit Hilfe des herbeigerufenen Maresciallo der Polizeiwache vom Palazzo Pitti bergen sie die Leiche“.

Der herbeigerufene Maresciallo der Polizeiwache Pitti beobachtet seine erzählenden Freunde aufmerksam. Nur gut hat er seine Sonnenbrille auf, seine Augen tränen bereits wieder leicht. Er hätte doch nicht so viel von diesem ausgezeichneten Wein trinken sollen. Phantasie haben sie aber, seine Freunde, das muss man ihnen lassen!

„Na Salva, hilfst du uns ein bisschen?“ fragte La Marca.

„Ja Guarnaccia“, meinte Scalzi, „also wir drei hieven die Leiche aus dem Wasser und untersuchen sie. Aus den Papieren in der Brieftasche des Toten geht hervor, dass der Mann aus Zürich stammt.“

„Genau. Und ich rufe sofort Philip Maloney in Zürich an und bitte ihn um Hilfe“, Salva hatte sich aus seiner Lethargie gelöst. „Dieser verspricht, sein Möglichstes zu tun, allerdings müsse er zuerst noch seinen Büroschlaf unter seinem Schreibtisch beenden und anschließend eine Flasche Jim Beam ihrer Bestimmung zuführen“.

„Ja, so geht das“, sekundierte Maloney, sein natürlich wieder einmal leeres Glas in Richtung Wirt schwenkend. „Aber ihr habt ja in den Papieren des Toten auch Hinweise darauf gefunden, dass dieser in Venedig lebt und dort eine Firma besitzt. Folglich ruft ihr umgehend Brunetti an und bittet diesen um Hilfe. Hilfsbereit und liebenswürdig wie immer sichert dieser seine volle Unterstützung zu, legt das Cosmopolitanheft weg, schenkt sich ein weiteres Glas Soave ein und schaut seiner Frau beim Kochen zu. Ab und zu hilft er seiner Tochter bei den Hausaufgaben und hört sich geduldig die neusten Klassenkampfparolen seines Sohnes an. In der Zwischenzeit hackt sich Sekretärin Elektra in den Computer ein und lüftet im Handumdrehen die wirkliche Identität des Toten. Derweil ihr Sergente Vianello ratlos über die Schulter schaut. Sie findet im Vorbeigehen auch noch heraus, dass vier Stadträte korrupt sind und der Stadtpräsident ein Chauvinist ist. Dies wird sie ihrem Chef jedoch nicht mitteilen, da sie ihn zu recht für einen verkappten Feministen hält. Dieser schenkt sich derweilen noch ein Glas Weißwein ein und betrachtet weiterhin seine Frau beim Kochen und streicht ab und zu seiner Tochter übers Haar.“

 

„Genau! Die Firma in Venedig war allerdings nur eine Filiale. Der Hauptsitz liegt in Triest und bei dem Toten handelt es sich um den von mir seit langem gesuchten Organschmuggler Vladic“, meldete sich Proteo Laurenti zu Wort.

„Wobei die Spuren und Verästelungen dieser Organhandelsmafia auch weit in den Süddeutsche Raum reichen“, half jetzt Berndorf. „Die Hintermänner sitzen allerdings in Berlin und in Paris. Nun ja, ihr wisst ja, seit ich pensioniert bin pendle ich vor allem zwischen diesen beiden Orten hin und her.“

„Kein Problem“, rettete ihn Dengler aus seiner Verlegenheit. „Im Süddeutschen Raum kann ich für dich übernehmen. Allerdings wird sich herausstellen, dass das Endziel der Organe in den USA liegt, genauer in Chicago. Dort muss ich dann zwecks Recherche hin. Es ist ja schon so lange her, seit ich zum letzen Mal im Theresas war“.

„Na Carlo, die Geschichte nimmt langsam Form an, nicht wahr?“ Pippos Augen leuchten.

„Na ja!“ antwortete dieser. „Ist das nicht alles ein wenig weit her geholt? Das klappt vielleicht in einer Fernsehserie, bei Derrick oder so. Aber doch nicht in einer ernsthaften Kriminalgeschichte. Ich hol mal eine weitere Magnum vom 04er Pinello um die denkenden Herren weiter zu befruchten.“

„Hol doch grad zwei Magnums“, meldete sich Lele. „Wir haben nämlich noch ein kleines Problem. Irgendwie muss die Geschichte dann in Siena enden. Schließlich erwartet dein Verleger von dir einen Pippo- und Lele-Krimi.“

„Kein Problem!“ meldete sich nun Commissario Salvo Montalbano. „Dengler wirbelt nämlich in Chicago soviel Staub auf, dass die Hintermänner beschließen, sich erst einmal abzusetzen. In den abgelegenen Bergen im Dreieck Montelusa-Vigata-Fela finden sie bei einem befreundeten Paten Unterschlupf. Bei diesem handelt es sich um einen Weinunternehmer, welcher auch in der Toscana ein Gut besitzt. Anlässlich einer gemeinsamen Kontrolle mit der Guardia Finanza beim sizilianischen Weingut fallen einem meiner Männer die beiden Amerikanischen Gäste des Don Corleone auf. Diesen fällt der kritische Blick meines Beamten allerdings auch auf und so beschließen sie, im Weingut des Paten in der Provinz Siena Unterschlupf zu suchen. Und somit habe ich einen Grund, Lydia aus der Leitung zu werfen und sofort Euch anzurufen. Ich war nämlich noch nie beim Palio in Siena. Und ich dachte, ich bringe Euch auf die Spur der Organhandelsganoven und im Gegenzug nehmt ihr beide mich mit zum Palio. Zuerst muss ich allerdings noch einiges hier in Vigata erledigen. Ich lege den Hörer auf und brülle Fazio! Mit lautem Krachen hebt sich meine Bürotüre aus den Angeln und Catarella steht im Zimmer. „Ah Dottori Dottori, tut mir leid, aber die Türe ist mir aus den Händen geflutscht!“ „Oh Madunnuzza Santa“ flehe ich. “Cataré ich verspreche dir wenn du noch einmal so in mein Büro platzt haue ich die eins in die Fresse. Zuerst gehe ich aber noch in die Trattoria San Calogero und esse ein Dutzend Triglie al ragu delle seppie. Anschließend muss ich nach Punta Raisi um die Abendmaschine nach Florenz zu erwischen.“

 

Jetzt war Pippo elektrisiert. „Genau. Und dort holen wir dich ab und quartieren dich bei uns ein. Am nächsten Tag stöbern wir die Verdächtigen auf und verfolgen sie nach Siena. Und am darauf folgenden Tag ist zufälligerweise gerade Palio. Und somit kommt es zu folgendem Showdown: Während um die Piazza del Campo die Fantini der am Palio teilnehmenden Contraden ihre Pferde zum Sieg treiben, jagt James Bond in den unterirdischen Gängen der jahrhundertealten Wasserversorgung Sienas seinen Bösewicht und rettet wieder einmal die Welt. Gleichzeitig jagen Brimbuscas Schergen, welche von uns auf die richtige Spur gebracht wurden, die Organhändler und stellen diese in einem dramatischen Finale auf der Zinne des Palazzo Pubblico. Derweil wir drei in aller Ruhe den Palio genießen.“

„Passt! Aber sag, wie soll das mit der James Bond Geschichte funktionieren?“

„Da handelt es sich um den neuen Bond. Der welcher erst in einem Jahr in die Kinos kommt.“

„Der von Marc Forster?“

„Genau der. Wirst sehen. Daniel Craig jagt seinen Bösewicht unter dem Campo während oben die Contrada del Leocorno den Palio gewinnt. Demnächst in ihrem Theater.“

„Wenn diese Geschichte jetzt noch einen Abstecher ins Weinviertel genommen hätte, wär’s wirklich zuviel geworden“, seufzte Gerhard Polt und schenkte sich noch ein Glas vom ausgezeichneten Pinello nach.

„Amen“ ergänzte Lele und prostete in die erlauchte Runde.

Aber er hatte nicht im Geringsten mit der überbordenden Phantasie seiner Kollegen gerechnet.
Von seinem vermeintlichen Schlafplatz auf einem Liegestuhl beim Pool meldete sich nämlich die schläfrige Stimme von Jussi Vares: „Was ihr aber allesamt nicht wissen könnt, ist die Tatsache dass die Hintermänner der Organschieber nach Auffliegen ihrer Basis in Chicago eine Ausweichbleibe in Europa aufmachen. Und wenn ihr mir verspricht, dass man bei Euch ab und zu auch eine Flasche Bier kriegt - nichts gegen deinen ausgezeichneten Wein, Carlo - , verspreche ich, Euch bei der Suche zu helfen. In Helsinki wurden die Verdächtigen nämlich gesichtet. Und da diese offenbar über Hintermänner in Brüssel bei der EU verfügen, werde ich meinen Freund Arto Ratamo beiziehen.“

Ein zweiter, etwas beleibterer Finne schälte sich aus einer Wolldecke auf dem Liegestuhl neben Vares: „Genau. Und ich verfolge dann die Spur der Verbrecher nach Athen, wo sie eben daran gehen, eine dubiose Praxis für ihre Zwecke zu requirieren. Kostas Charitos hat  mich auf diese Spur gebracht.“

 

Worauf dieser einwirft: „Das Ganze habe ich allerdings nur durch Zufall entdeckt. Mein Freund C. F. Wong weilte nämlich bei mir, da meine Frau wollte, dass ich die Praxis meines Schweigersohnes in einem Ärztehaus einer Fengshui-Analyse unterziehe. Und in diesem Ärztehaus waren dann eben nicht alles Praxen koscher.“

„ES REICHT!“ brüllte Lele.

„Recht hat er“, seufzte Pippo und bedeutete Carlo, noch einmal rundum nachzuschenken.
Welcher Aufforderung dieser gerne nachkam und meinte: „Danke meine Herren, ich glaube, Anregungen habe ich nun genug. Denn wenn ihr so weitermacht, muss ich am Schluss auch noch den Fandorin ermitteln lassen. Und dann ist die Geschichte definitiv nicht mehr koscher. Genießen wir doch den Wein und den Sonnenuntergang!

Worauf Stille einkehrte auf der schönsten Terrasse der Toscana.

Es war ein schönes Schauspiel.

 

Anhang

Das Personal

Das Personal dieser Geschichte setzt sich zusammen aus altbekannten Figuren, den Aficionados der Pippo- und Lele- Kurzgeschichten zum Überdruss bekannt, sowie einigen neuen, wie immer nicht über alle Zweifel erhabenen Gestalten. Da die Pippo- und Lele- Fangemeinde dank der überwältigenden Feuilleton - Presse und den positiven Berichten im Fernsehen und aus Hollywood immer grösser wird, hier nochmals einige Kurzportraits.

 

Filippo Marlotti

Von seinen Freunden Pippo genannt. Wuchs in Armenien als Fjodor Marlowsky auf, fühlte sich früh zum Beruf des Privatdetektivs hingezogen, deckte als junger “Private Eye“ einen riesigen Uran-Öl-Waffen-Schmiergeldskandal auf (siehe Putin, Wladimir, “Wie ich fast nicht an die Macht kam“, erschienen auf Deutsch im Verlag Schrödergerd), musste aus Russland fliehen, arbeitete einige Jahre als Versicherungsschnüffler bei der Continental Op in Los Angeles, lernte dort Samuele Spadoni kennen (siehe unten) und gründete mit diesem das nicht ganz renommierte Privatdetektivbüro Spadoni-Marlotti an der Piazza del Campo in Siena.

Pippo verbringt den Löwenanteil seiner Zeit mit Wein, Frauen und dem Hören guter Bluesmusik. Den Rest widmet er dem Genießen des Lebens.

Am besten stellen sie sich George Clooney vor. Der verkörpert schließlich Pippo auch in den Soderberg-Filmen. Wobei er herrlich selbstironisch sein kann. Als in Siena wieder einmal kolportiert wurde, Pippo sei der einzige Mann, neben dem George wie eine Frau aussehe, erschien dieser einfach in Frauenkleidern am Set.

 

Samuele Spadoni

Lele, wie ihn seine Freunde nennen, kann sich an die ersten 30 Jahre seines Lebens nicht immer genau erinnern. Einerseits ist er typischer Sienese, dem guten Wein, den schönen Frauen, einer feinen Zigarre nie abgeneigt. Anderseits plagen ihn des Nachts Erinnerungsfetzen aus seinem früheren Leben, als er Chandler assistierte, für John Huston in Vorderasien einen Schwarzen Falken besorgte, eine Dissertation über den Orden der Malteser schrieb, Hömfry Bogart doubelte, manchmal wacht er des Nachts schweißgebadet auf deswegen.

Meistens hilft dann ein alter Malt und eine Robusto und Lele ist wieder der liebenswürdige, vielleicht etwas schlampige Genießer und Bonvivant, dessen Geistesblitze und Kombinationsgabe seinen Partner Pippo auch heute noch verblüffen.

Am besten stellen Sie sich Brad Pitt vor, einfach ein bisschen sympathischer und hübscher. Und männlicher auch..

 

Don Silvio Brimbolioni

Don Silvio, im Volk als Brimbusca bekannt, ist der Polizeikommandant von Siena. Im Range eines Vice-Questore weiß er, wie man Karriere macht ohne sich die Hände schmutzig zu machen. Von Fachtagungen in England weiß er, dass es utmost wichtig ist, sein powder dry zu halten (nein, Brimbusca kokst nicht).

Die Teilnahme Seminaren wie zum Beispiel „Wie kann ich meine Karriere fördern und wenn das nichts nützt dann wenigstens besser darstellen als sie wirklich ist“ sind für ihn natürlich Pflicht. Mit der Memorisierung dieser Figur sollten Sie sich etwas Mühe geben. Don Silvio wird im Folgenden nicht viel Gescheites sagen, noch wird er zur Aufklärung des Verbrechens viel beitragen. Aber er wird ständig im Vordergrund des Geschehens präsent sein.

 

Als Hintergrundlektüre für Ihre Vorbereitung der Darstellung dieser Figur empfehlen wir Ihnen das Lesen der im gleichen Verlag erschienenen Kriminalfälle “Gauklermord, „Habenkötter“, “Bibermord“ und „Geiermord“, welche Hinweise auf die Arbeitsweise, das Palmares und den Gestus von Don Silvio geben können. Sie könnten sich zum Beispiel einen etwas dicklichen, etwas zu kurz geratenen Clown vorstellen. Gut geschnittene Anzüge vertuschen weibliche Hüften, lebensgefährlich hohe Schuhabsätze (er steht fast senkrecht auf seinen Fußballen, seine Zehen sind verformt wie die einer Primaballerina), ein teurer Zahnarzt und Selbstbräunungscreme gehören zu seinem Habitus. Die Figur sollte etwa aussehen wie ein Diktator einer Bananenrepublik im Mittelmeerraum, welche mit Ihrer Nordgrenze an die Schweiz angrenzt.

Als Anregung vielleicht noch dies: Die Abenteuer von Pippo und Lele werden demnächst als Hollywoodverfilmung verewigt werden mit John Travolta in der Rolle des Brimbusca. Danny De Vito hatte leider abgesagt. (anm.d.R.)

 

Contessa Verena Steccanini-Orelli

Contessa Verena hat in dieser Geschichte die Aufgabe, als beste Freundin einer Englischen Fregatte diese vor unerwünschter italienischer Pablissiti zu schützen. Im Übrigen lässt sie unsern Freund Lele nicht ganz kalt, was wir völlig verstehen. Und wenn wir schon von den Beinen von Verena schreiben: ja, der Autor dieser Geschichte liess sich von einer echten Verena inspirieren, allerdings nur was das Äussere betrifft, der Charakter der richtigen Verena ist besser als der der Contessa.

 

Antony Booth

Antony Booth, von seinen Kritikern Bambi genannt, war Premierminister eines nicht immer Europäischen Inselstaates. Jetzt, im Ruhestand, kann er sich endlich seinen wahren Interessen widmen. In unserer Geschichte fällt ihm die zweifelhafte Ehre zu, die erste Leiche darzustellen.

 

Cheryl Booth

Cheryl ist die nicht immer trauernde Witwe von Antony. Böse Zungen behaupten, sie hätte seinerzeit inspirierende Patin für Lucy von den Peanuts gestanden. Wahrscheinlich hat sie auch positive Charaktereigenschaften.

 

Gaspare Buonuomo

U’ Professore, auch als The Fat Man bekannt, ist eine in internationalen Antiquitäten- und Hehlerkreisen bekannte Figur. Handelte unter dem Namen The Sydney Greenstreet Inc. Kaffee und Zigaretten in Casablanca und Basaltfalken in San Francisco und Istanbul, bevor er seine Interessen sizilianisierte.

 

Wiliberto

Wiliberto, in unschuldigen Jahren unter dem Pfadinamen Wilmer Elisha Cook bekannt, ist der Leibwächter des dicken Mannes. Nicht überraschend nicht sonderlich erfolgreich als solcher.
Wie einer der beiden Protagonisten in dieser Geschichte feststellen wird, eher eine Zwischenstufe in der menschlichen Evolution.

 

Noel Gizeh

Noel J.Ugarte Gizeh aus Cairo bringt nicht nur süßlichen Duft in unsere Geschichte.
Auch er ist hinter dem McGuffin dieser Geschichte her. Und auch ihm wird seine Gier zum Verhängnis. Noel hatte in seiner Jugend erfolglos als Double für Arnold Schwarzenegger gearbeitet, diesen Job aber verloren, als von Radio auf Fernsehen umgestellt wurde. Anschließend hatte er Fritz Lang geholfen, eine ganze Stadt nach einem Mörder suchen zu lassen und in Casablanca hat er mit Transitpapieren gehandelt.

 

James Blonnery

James trinkt seinen Wodka Martini geschüttelt, nicht gerührt. Auch sonst ist er nicht eben eine rührende Erscheinung. Seine zahlreichen Fassaden, ob als Leibwächter, ob als Archäologe, ob Witwentröster, bringt er nicht eben glaubhaft rüber. Keine Oskarnominierung dieses Mal.

 

Fra Angelico

Fra Angelico ist Mönch im Kloster Oliveto Maggiore bei Chiusure in der südlichen Toscana.
Er ist dort als Kurator einer Aufsehen erregenden Ausstellung seltener Schätze aus der Kreuzritterzeit tätig. Ein Mönch wie er im Buche (und auf der Besetzungsliste von Regisseuren) steht: klein, dick, Schweinsäuglein, gute Beobachtungsgabe, listig.
Ja, wir wissen schon, lieber Leser, nicht jeder Mönch hat christliche Absichten. Aber im vorliegenden Fall brauchst du keine Angst zu haben.

 

Die Toscana

Wie immer in unsern Pippo- und Lele- Geschichten kommen auch die Toskanische Landschaft und ihre Wirte und Restaurateure vor. Sie sind wie meistens die einzigen reellen Figuren in der ganzen hanebüchenen Geschichte.
Und deshalb eigentlich fast immer auch real dargestellt.
Und die geschilderten Gaumenfreuden sind eher noch untertrieben. Und der schönste Pool der Toscana ist wirklich so schön. Aber das wissen Sie wahrscheinlich bereits, liebe Leser. Wenn nicht, einfach Urlaub buchen unter villadespinienbaumsdotcom (in Italienisch).
So geht das.

 

 

Krimis

N.1
GIALLO
IN SIENA!
N.2
HABENKÖTTER
Ein Pippo und Lele Krimi
N.3
BIBERMORD
Ein Pippo und Lele
Krimi
N.4
GEIERMORD
Pippo und Lele in der Hochfinanz
N.5
RARA AVIS
Ein Pippo und Lele- Krimi




Villa del Pino
Hotel Villa del Pino
Villa del Pino da Carlo del Pino
di Elser Karl Markus
Loc. Pino 1 - I 53036 Poggibonsi, Siena - Toskana
Tel. 0039-0577-933 168 - Fax 0039-0577-988 123
Mobile 0039-348-370 123 6
E-mail: info@villadelpino.com

 

Zurück