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Pippo und Lele in der Hochfinanz


GEIERMORD - Pippo und Lele in der Hochfinanz PDF

GEIERMORD

Pippo und Lele in der Hochfinanz
Ein psychohygienischer Do-it-Yourself-Krimi
Names have been changed to protect the innocent
(and the guilty)
VORWORT
PROLOG
ZWEITES VORWORT
DRITTES VORWORT (Betriebsanleitung)
DIE BÜHNE
Die beteiligten Firmen
Die beteiligten Personen
Kapitel Eins - Sag mal, müssen wir das?
Kapitel Zwei - Die Nightsession
Kapitel Drei - Die Gehirnwindungen der Getränkehändler
Kapitel Vier - Berichterstattung
Schlusswort
EPILOG
 

VORWORT

Lieber Leser

Diese Geschichte handelt von Unzulänglichkeiten. Menschlichen. Sie ist eher traurig und hätte so eigentlich gar nie passieren dürfen. Aber es gibt ja so viele Dinge, die nie hätten passieren dürfen, oder?

PROLOG

“Sag mal, was verstehst Du von der Hochfinanz?“
Wenn er mir so kommt führt er doch etwas im Schild, dachte Pippo und widmete sich weiterhin seinem Lagavulin, als hätte er nichts gehört.
Doch Lele ließ nicht locker: „Nein ehrlich, was weißt Du?“
“Na ja, dass man sich mit deren Protagonisten nicht einlassen sollte, vielleicht?“
“Also auch nichts!“
“Sag mal, was soll die bescheuerte Frage?“
Und Lele erzählte das ganze Malheur:
Brimbusca hatte wieder einmal externe Hilfe in einem delikaten Fall angefordert. In einem Landhotel vor den Toren Sienas findet ein Internationales Seminar statt: Challenges in Industry in the Third Millenium, unter den Teilnehmern inoffiziell bekannt unter How to further your carreer in business by fostering relationships.
Die Crème de la Crème der Europäischen Szene ist anwesend, entweder als Teilnehmer oder als Speaker. Die Geschäftsleitung der lokalen MontePaschiBank ist in Corpore präsent. Die Hotelanlage ist exklusiv für den illustren Zirkel freigehalten. Und nun hat ein Zimmermädchen in einem der Zimmer einen toten Seminarteilnehmer gefunden: Schädel eingeschlagen mit einer Mineralwasserflasche, peng, Licht ausgeknipst. Spuren keine, Zeugen auch nicht. Und nun hatte Brimbusca doch tatsächlich dem Staatsanwalt 48 Stunden aus dem Kreuz leiern können. Man will einen Skandal vermeiden, Carabinieri in Reitgamaschen und Spurensicherungsteams kann man den illustren Gästen nicht zumuten, no pablissiti, thankyuwerinaiss. Die Täterschaft ist ziemlich sicher nach wie vor im Hotel anzutreffen, das Seminar läuft ja weiter. Und die Angelegenheit war bisher äußerst diskret behandelt worden, den toten Geier schien noch niemand zu vermissen.

“Und wir sollen wieder einmal für Brimbusca die Kastanien aus dem Feuer holen?“

“Du hast es erfasst. Hier habe ich zwei Ausweise und zwei Sets mit Visitenkarten. Wir sind Internationale Banker der MontePaschiBank und bestreiten die nächsten zwei Seminartage als Teilnehmer. Und unsere Spesen und sogar ein fettes Honorar werden auch vom lokalen Sponsor übernommen. Gerade als ich flöten wollte Merci Monsieur le Vice Questore mais vous pouvez me souffler au cul ist er mit dieser Neuigkeitrausgerückt. Hat ihn fast körperlich geschmerzt, das konnte man 3 Meilen gegen den Wind sehen.
Die Spielregeln sind einfach: Andere Teilnehmer befragen ist nicht. Einfach Augen und Ohren offen halten und etwas für die Allgemeinbildung tun. Und vorher noch zum Coiffeur.“
“Wollte ich sowieso dringend. Aber schwarze Schuhe ziehe ich nicht an!“
„Musst du auch nicht. Das Ganze läuft ja im unsäglichen Casual-Friday-Dress-Code der internationalen Bankenszene ab: Corduroy-Hosen, Hemden mit einen aufgestickten Polospieler, Pullover in Pastellfarben über die Schulter drapiert, alle.“
“Alle?“
“Ja, ist wie eine Uniform. Aber keine Angst, wir müssen das nicht, wir sind ja schließlich Italiener.“
“Aber wie Banker sollen wir uns schon benehmen, oder?“
“Wenn’s geht.“
“Na dann viel Spaß!“

ZWEITES VORWORT

Die vorliegende Geschichte ist hochkompliziert. Die Schauplätze sind zwar nicht exotisch, aber mannigfach. Die Protagonisten sind ein bisschen zu sehr aus dem Leben gegriffen. Die Schlussfolgerungen sind an den Haaren herbeigezogen. Die Handlungsabläufe entsprechen der oft wirren Kombinationsgabe des Autors. Das Ganze hat sich bereits vor mehr als 10 Jahren abgespielt. Das wirkliche Leben und die Vorabendserien des Deutschen und Amerikanischen Fernsehens hätten gegen diese Ereignisse keine Chance sich zu behaupten. Zudem sind sämtliche Namen geändert „in order to protect the innocent“ (warum eigentlich?). deshalb finden wir es unumgänglich, dass Sie:

DRITTES VORWORT (Betriebsanleitung)

…dass Sie sich auf diese Geschichte vorbereiten.

Nehmen Sie ein Spielbrett aus Ihrer Jugend, zum Beispiel das Fang-den-Hut-Spiel eignet sich sehr gut.
Dieses ist die Basis unserer Geschichte. Diese spielt zum großen Teil in einem Seminar, also wäre es gut, wenn Sie das Spielbrett etwas entsprechend dekorieren, Sie wissen ja sicher, wie ein Seminarraum und ein Seminarhotel aussehen, oder?
Dann nehmen Sie eine Laubsäge zur Hand. Sie brauchen etwa einen Quadratmeter Sperrholz und Ihren alten Malkasten. In der Folge zeigen wir Ihnen sämtliche beteiligten Personen, Akteure, Firmen, Schauplätze und Zusammenhänge in Form von Figuren auf, welche Sie mit der Laubsäge aus dem Sperrholz sägen und bemalen sollen damit sie dann in der Hektik des Geschehens nicht den Überblick verlieren.
Geübte Bonsai-Steckerinnen können selbstverständlich auch Blumen als Ausgangsmaterial nehmen.

Wenn Sie einmal alle Akteure farbig „en miniature“ vor sich haben, geht alles sehr einfach. Vielleicht wird alles sogar logisch und verständlich, ein Resultat, welches dem Autor bisher verwehrt blieb.

DIE BÜHNE

Einsame Zypressengruppen vor Jugendstilvillen und Renaissance-Palästen, sanfte, anmutige Hügellandschaften die sich aus dem Morgennebel erheben, ein perfekter Dreiklang von Rebgärten, Olivenhainen und Kornfeldern, darin alles eingebettet was man an kulturellen und kulinarischen Genüssen ersehnt, um mit sich und er Welt eins zu sein - das gibt es nur einmal: in der Toskana.

So weit so gut. Jetzt aber:

Und mittendrin ein zu Tode renoviertes Bauerngehöft, ausgestattet mit allem Luxus, französischer Starkoch, Wellness, Luxussuiten in ehemaligen Ställen, Konferenzräume mit jeglichem Hightech in ehemaligen Scheunen,
manikürierte Gartenanlage, das ganze Spektrum also: La Mostrosa, the best Seminar Hotel in Tuscany.

Der für den Umbau verpflichtete Architekt wird von gewissen Kritikern auch Stararchitekt genannt, dies weil er eine dringend notwendige Augenoperation (grüner Star am linken Auge, grauer Star am rechten) während der gesamten Planungs- und Bauphase leider vor sich herschob. Jetzt ist er ganz blind und wird deshalb aus lauter Mitleid nicht von der Denkmalpflege der Provinz Siena behelligt.

Das Seminarthema Kontaktpflege in der Geschäftswelt, wie kann ich meine Karriere beschleunigen ist natürlich nichts für Prokuristen und kleine Vizedirektoren, die Teilnehmer rekrutieren sich ausschließlich aus dem Geschäftsleitungsbereich. Und auf diesem Spesenniveau sind selbstverständlich auch die entsprechenden Lebenspartnerinnen mit dabei. Das ist nicht für alle unsere Protagonisten gut, doch davon später.


So, und jetzt machen wir uns ans basteln, als erstes machen wir

Die beteiligten Firmen

A1            Schneiden Sie ein Hufeisen aus und bemalen Sie es in den Farben Rot-Weiß-Schwarz und Sie haben unsern ersten Akteur:
Die Gewerkschaft zum blutigen Daumen, eine ostschweizerische Gesellschaft hehrer Geschäftspraktiken, den größten Getränkehändler hierzulande.
im Folgenden einfach A1 genannt.

A2       Basteln Sie sich einen Schlüsselbund aus einem Stück Skijacke aus den 80er-Jahren. Wenn Sie Ihre modischen Entgleisungen bereits entsorgt haben, was wir hoffen, stellen Sie Sich Franz Heinzer vor und bemalen halt einen aus Sperrholz gebastelten Schlüsselbund mit den unsäglichen Farben Lila-hellgrün, Lila-blassblau, Lila-rosa, und schon haben Sie:
Den Beppiverein, ein Vehikel des Balser Ddeiggs (nicht nur) zur Gestaltung der Schweyzerischen Landschaft, den drittgrößten Getränkehändler Helvetiens, im Folgenden A2.

A3            Nehmen Sie am besten das Wappen des Kantons Zürich. Wenn Sie keinen Farbdrucker haben, so machen Sie es Schwarz-Weiß, das geht noch fast besser. Und schon haben Sie:
Das Kreditheim, den ewigen zweitgrößten Getränkehändler, einstmals stolzes Flaggschiff der Zürcher Wirtschafts- und Polit-Aristokratie, seit langem nur noch auf der Flucht, dem Anschluss hinterherzulaufen.

A4            Nehmen Sie die belgische Nationalflagge, drehen Sie diese um 90 Grad und schneiden Sie daraus einen Bundesadler. Und schon haben Sie:
Die Beteiligungskasse, auch „AG“ genannt, den größten Getränkehändler eines Nachbarlandes.

A5       Nein, die Swissair kommt in unserer Geschichte nicht vor. Mit dieser Versager-Biographie ist schon genug Unfug getrieben worden. Aber Sie haben schon recht, in einen der Workshops des in unserer Geschichte vorkommenden Seminars (siehe C1-3 weiter unten) hätte dieses Fallbeispiel hervorragend gepasst. Und Sie werden noch auf weitere Beispiele stoßen, wie man mit etwas gutem Willen etwas Funktionierendes vernichten kann. Es braucht nur die richtigen Personen in der richtigen Konstellation dazu. Und davon handelt ja unsere Geschichte.

A6       Dieser Player ist tatsächlich ein Getränkehändler. Auf dem Sektor Mineralwasser hat er bald ein Monopol in Europa. Und seine Instantcafémarke ist der wertvollste Brand der Schweiz. Das Flaggschiff der Schweizer Industrie, ein mächtiger Multinational war jahrzehntelang Herzstück des Dreiecks A3-A5-A6 im Verwaltungsratsparteienschacher für mehr oder weniger begabte und verdiente Exponenten der einstmals staatstragenden Partei, lang lang ist’s her
Sägen sie einen vertikalen Schnitt in eine Halmafigur und stecken Sie einen Beutel Néscafé hinein.

So, und nun nehmen Sie die bisher gebastelten Figuren und parkieren Sie vorerst, am besten in einem kleinen Gefäß, zum Beispiel einem Jogurthbecher, auf dem Feld Grün-4 Ihres Spielbretts.

Jetzt basteln wir uns nämlich

Die beteiligten Personen

B1            Rupprecht Höber, unsere Leiche. Höber wird sehr früh in unserer Geschichte als Leiche auftauchen und dann die meiste Zeit auf dem Spielfeld herumliegen. Also sollten Sie sich ein bisschen Mühe geben.
           
Man muss der Leiche ansehen, dass Höbber ein typischer Manager und Direktor war. Er hat zusätzlich zum Doktortitel einer Schweizerischen Universität einige Zeit in den USA im Curriculum. Also hat er auch keine Glatze, sondern lange Haare, der Seitenscheitel liegt knapp über dem rechten Ohr. In Chicago hat er nie gearbeitet, weil es dort so stark windet (unter den follically-challenged als Pumplün-effekt bekannt: kaum biegt man um die Ecke windet es einem die sorgfältig an den Schädel gepappten Strähnen senkrecht vom Kopf weg).

Ob Höbers Name amerikanisiert ist, wissen wir nicht. Aber aus seinem Schweizerischen Studienabschluss aus den 60er Jahren ist natürlich im Curriculum wundersam ein MBA geworden.
           
Das Stichwort „Personalförderung“ hat er sehr ernst genommen, vor allem ging es ihm darum, einen einzelnen Mitarbeiter seiner Abteilung in die Generaldirektion seines Arbeitgebers zu bringen, nämlich sich selbst. Er hat für A1 oder A2 oder A3 gearbeitet, wo spielt eigentlich keine Rolle, aber siedeln wir ihn einmal in A1 an. Als Mann, der seine Karriere-Aufgaben gemacht hat, hat er die meiste seiner Arbeitszeit damit verbracht, sich selbst zu fördern. So erstaunt es gar nicht, dass er es zum Chef einer wichtigen Kunden-Einheit seines Arbeitgebers gebracht hat, ohne je selbst ein Kundenverhältnis zu generieren oder pflegen, und ohne je selbst im Markt eine Transaktion zu strukturieren, gegen die Konkurrenz zu gewinnen, oder zu generieren. Seine Untergebenen hat er ständig damit motiviert, die Geschäftstransaktionen möglichst kompliziert zu gestalten, oder mindestens darzustellen.
            “Eine einfache Transaktion ist etwas für einfache Gemüter“, war eines seiner Schlagwörter. Oder: “Why sein if you can shine“, oder “daraus müsste man doch eine Projektfinanzierung mit Weltbankunterstützung oder sonst etwas Strukturiertes machen können!“

B2       Horst Hass, Höbers Pipeline.
           
Am besten basteln Sie sich einen kleinen dicken Berner Bären. Oder Sie stellen sich Frau Alt-Bundesrätin Ruthli Drefüss vor, einfach männlicher und mit Berner Dialekt. Die Figur sollte so herauskommen, dass Sie zwar bescheiden wirkt, aber dass man sich schon vorstellen kann, dass dieser begabte Strukturierer ständig einen oder gar zwei hochkomplizierte potentielle Transaktionen knapp am Leben erhalten kann. Meistens verwirklichen sich diese Transaktionen nicht. Zum Glück für das Kreditportefeuille seines Arbeitgebers. Wenn doch, erhalten Sie unter der Rubrik „Weiße Elefanten“ hohe Publizität. Aber wie gesagt, ob eine Transaktion wirklich „kommt“, oder ob nur Monate und Jahre in der Welt rumgereist wird um zu strukturieren, warum den Linienflug nehmen, wenn man auch mit Concorde fliegen kann, das alles ist nicht so wichtig so lange wir genügend Wind und Publizität kreieren können. Dafür hat B2 dem B1 die Munition geliefert, denn im Wind machen war B1 besser als B2.

B3       Armin Flachner, Sparfürst der Boulevardpresse.
           
Sägen sie eine Fliege aus (nicht das Insekt, sondern die Krawatte). Obwohl das Müntefering-Schlagwort von den Heuschrecken auch ein bisschen passt. Flachner ist ein Klumpenrisikoprotagonist und Bankenlandschaftsgestalter, involviert sind nachfolgend A1, A2 und A4.
            Ab und zu versucht er auch, schweizerische Industriefirmen zu vernichten, aber bisher ist ihm das noch nicht gelungen.

B4       Der Herr Kurt
           
Der Herr Kurt ist einer der wenigen großen Schweizer Bundesräte der letzten 50 Jahre. Er amtierte noch in jenen Zeiten, als die Bundesräte der Schwarzen Partei direkt von den Studentenverbindungen portiert und nominiert wurden. In unserer Geschichte spielt er eigentlich keine Rolle, er ist aber das große Vorbild von B5, einem der Referenten im Seminar, welches einen bedeutenden Teil unserer Geschichte einnimmt. Sie können ja eine Figur aus dem Halma-Spiel nehmen und darauf ein Porträtfoto einer Person kleben, die Sie mögen.

B5       Der schneidige Benno
           
Nehmen Sie wieder eine Halma-Figur (eine kleine, ganz kleine) und kleben sie ein Foto einer Person drauf, die Sie nicht mögen.
            Der schneidige Benno hat alles richtig gemacht. Er hat auch alles wie sein großes Vorbild B4 gemacht. Doktor der Jurisprudenz, Nationalrat, Mitglied der schwarzen Partei. Nachfolger und Partner in der Rechtsanwaltskanzlei von B4. Erbt dessen Nationalratssitz. Erbt dessen Regimentskommando.
Wird trotzdem nicht Bundesrat. Wird auch nicht Brigadegeneral wie B4. Was ist schief gelaufen, what went wrong here?
OK, er hat kein Charisma. B4 hatte dies. Aber Moritz L. hat das auch nicht. Und Sämi auch nicht. Und Schoseff (der Mann von Babette) schon gar nicht.
Und auch nicht viele Brigadegeneräle.
Mit der Frage, was hier schief lief wird sich ein Workshop unseres Seminars befassen müssen. B1 hat sich bereits als Teilnehmer eingetragen. Als Referent hat man ihn nicht brauchen können zu diesem Thema, dafür ist er nicht selbstkritisch genug.

B6       Filippo Marlotti

Von seinen Freunden Pippo genannt. Wuchs in Armenien als Fjodor Marlowsky auf, fühlte sich früh zum Beruf des Privatdetektivs hingezogen, deckte als junger “Private Eye“ einen riesigen Uran-Öl-Waffen-Schmiergeldskandal auf (siehe Putin, Wladimir, “Wie ich fast nicht an die Macht kam“, erschienen auf Deutsch im Verlag Schrödergerd), musste aus Russland fliehen, arbeitete einige Jahre als Versicherungsschnüffler bei der Continental Op in Los Angeles, lernte dort Samuele Spadoni kennen (siehe B7) und gründete mit diesem das nicht ganz renommierte Privatdetektivbüro Spadoni-Marlotti an der Piazza del Campo in Siena.

Pippo verbringt den Löwenanteil seiner Zeit mit Wein, Frauen und dem Hören guter Bluesmusik. Den Rest widmet er dem Genießen des Lebens.

Am besten sägen sie eine neutrale Figur aus und kleben ein Foto von George Clooney drauf.

B7            Samuele Spadoni

Lele, wie ihn seine Freunde nennen, kann sich an die ersten 30 Jahre seines Lebens nicht immer genau erinnern. Einerseits ist er typischer Sienese, dem guten Wein, den schönen Frauen, einer feinen Zigarre nie abgeneigt. Anderseits plagen ihn des Nachts Erinnerungsfetzen aus seinem früheren Leben, als er Chandler assistierte, für John Huston in Vorderasien einen Schwarzen Falken besorgte, eine Dissertation über den Orden der Malteser schrieb, Hömfry Bogart doubelte, manchmal wacht er des Nachts schweißgebadet auf deswegen.

Meistens hilft dann ein alter Malt und eine Robusto und Lele ist wieder der liebenswürdige, vielleicht etwas schlampige Genießer und Bonvivant, dessen Geistesblitze und Kombinationsgabe seinen Partner Pippo auch heute noch verblüffen.

Am besten sägen Sie eine neutrale Figur aus und kleben ein Foto von Brad Pitt drauf.

B8       Don Silvio Brimbolioni

Don Silvio, im Volk als Brimbusca bekannt, ist der Polizeikommandant von Siena. Im Range eines Vice-Questore weiß er, wie man Karriere macht ohne sich die Hände schmutzig zu machen. Von Fachtagungen in England weiß er, dass es utmost wichtig ist, sein powder dry zu halten (nein, Brimbusca kokst nicht).

Die Teilnahme an einem Seminar mit dem Titel „Wie kann ich meine Karriere fördern und wenn das nichts nützt dann wenigstens besser darstellen als sie wirklich ist“ war für ihn natürlich Pflicht. Mit der Darstellung dieser Figur sollten Sie sich etwas Mühe geben. Don Silvio wird im Folgenden nicht viel Gescheites sagen, noch wird er zur Aufklärung des Verbrechens viel beitragen. Aber er wird ständig im Vordergrund des Geschehens präsent sein.

Als Hintergrundlektüre für Ihre Vorbereitung der Darstellung dieser Figur empfehlen wir Ihnen das Lesen der im gleichen Verlag erschienenen Kriminalfälle “Gauklermord, „Habenkötter“ und “Bibermord“, welche Hinweise auf die Arbeitsweise, das Palmares und den Gestus von Don Silvio geben können. Sie könnten zum Beispiel einen etwas dicklichen, etwas zu kurz geratenen Clown basteln. Gut geschnittene Anzüge vertuschen weibliche Hüften, lebensgefährlich hohe Schuhabsätze (er steht fast senkrecht auf seinen Fußballen, seine Zehen sind verformt wie die einer Primaballerina), ein teurer Zahnarzt und Selbstbräunungscreme gehören zu seinem Habitus. Die Figur sollte etwa aussehen wie ein Diktator einer Bananenrepublik im Mittelmeerraum.

Als Anregung zum Basteln unserer Figuren vielleicht noch dies: Die Abenteuer von Pippo und Lele werden demnächst als Hollywoodverfilmung verewigt werden mit John Travolta in der Rolle des Brimbusca. Danny De Vito hatte leider abgesagt. (anm.d.R.)

B9            Tschon-Tschieri

Tschon-Tschieri war Generaldirektor von A1, ein äußerst pragmatischer Kundenbetreuer. Von ihm stammt der Satz: “Ich bevorzuge es, auch zum Dinner einen Kunden zu bewirten, vorausgesetzt wir sind bis 18 Uhr mit dem Lunch fertig. Und das Dinner sollte um 23 Uhr beendet sein, damit ich um Mitternacht noch eine Wurst essen gehen kann.“ Im Gegensatz zu B11, einem Kantons-Landsmann, hat B9 in der Personalförderung nicht nur Untergebene gefördert, welche denselben Dialekt sprachen wie er, sondern schlicht jeden, ob fähig oder nicht. Ob fähig oder nicht war dann auch das Motto von B11, aber dazu später. Basteln Sie einen kurzatmigen rotgesichtigen Schmerbauch in einem Dreiteiler.

B10     Röbi Stadler

Stadler war der erste Nichtakademiker, welcher zum Direktionspräsidenten von A1 befördert wurde. Das ist kein Mangel, nicht dass man mich da falsch versteht. Er hat das selbst einfach immer betont. Er hatte Anhänger, welche behaupteten, dass er auch Qualitäten besaß. Ich halte dies nicht für ausgeschlossen, denn gleich mehrmals hintereinander wird ja wohl das Peters-Prinzip nicht einfach außer Kraft gesetzt werden können. Röbi hatte nämlich als seinen Nachfolger den Max (siehe nachfolgend B11) herangezüchtet. Und Max war nun noch weniger Akademiker als Röbi. Röbi muss man immerhin zugute halten, dass er sich Mühe gab. Und zum Artillerieobristen der seit bald 500 Jahren unbesiegten glorreichen Schweyzer Armee hatte er es schließlich auch gebracht. Zudem hatte er in seinem Aufstieg gute Leute über und neben sich. Kurz, A1 funktionierte noch eine Weile wie eine Bank.

Basteln Sie ein korrektes Männchen, gut frisiert, adrett, nicht zu voluminös.

B11     Max

Max war ein Devisenhändler. Sogar, als er bereits Röbi abgelöst hatte, dachte und sprach er wie ein solcher: schnell und aus den Hüften. Wäre er Mitglied einer Studentenverbindung gewesen, hätte man ihm sicher den Vulgo „Cambiovaluta“ verpasst. Aber wie bereits erwähnt, auch solche Verbindungen und Beziehungen gingen ihm ab. Gültig war sein eigenes Wort, welches er mit seiner eigenen Seilschaft kultivierte. Wer denselben Berglerdialekt sprach, dasselbe Auto fuhr, seine Witze und Sprüche kopierte, lag im richtigen Fahrwasser. Es gab sogar Jünger von Max, deren Frauen seiner ähnlich sahen. Wohnsitz im selben Kaff, Mitgliedschaft im selben Golfclub: Selbstverständlichkeiten. Dass Schulterklopfer kein wirksames Warnsystem darstellen in einer hochkomplizierten international tätigen Getränkehandelsfirma war objektiven Beobachtern klar, zumal die Mannschaft von Max von Eishockey mindestens soviel verstand wie von Mineralwasser (Inter-Junioren-Niveau, meines Wissens).

Besorgen Sie sich bei Ihrem Zahnarzt ein zu groß geratenes Gebiss und stecken di
eses in einen blauen Anzug von der Stange und sie haben die Spielfigur Max.

 So, jetzt stecken Sie alle B-Figuren in einen zweiten Jogurtbecher und warten auf die Instruktionen des Spielleiters.

Kapitel Eins            Sag mal, müssen wir das?

“Sag mal, müssen wir das wirklich alles lesen?“

“Ja, der Brimbusca meinte, ohne diese Vorbereitungslektüre würde man uns die Finanzfuzzis niemals abnehmen. Und ich glaube, dass er diesmal recht hat.“

Und so machten sich unsere beiden Helden heldenhaft an das Studium folgender Geschichte.

SEMINARVORGESCHICHTE

Um die Motivation einiger Seminarteilnehmer besser zu verstehen, muss man folgende Vorgeschichte kennen:

Im Zeitpunkt als B10 und B11 die Spitze ihrer Macht erreicht hatten, B10 als Verwaltungsratspräsident, B11 als Direktionspräsident von A1, trat B3 auf den Plan. Dieser hatte sich in Zeiten ständig steigender Börsen mittels Klumpenrisikokäufen weniger ausgewählter Schweizer Aktien schnell den Ruf eines Zampanos erworben. Wie in Bull-Jahren üblich, war seine Performance nicht schlechter als die von Amateuren und Hausfrauen, vielmehr entsprach sie dem Börsenindex.

Die Konzentration auf einige wenige Klumpen jedoch bewirkte, dass die Umsätze seiner Portfolioumschichtungen derart stiegen, dass Flachner plötzlich einige wenige, aber wichtige Aktienpakete hielt, welche stimmrechtsmäßig durchaus einiges Gewicht hatten, unter anderem auch von A1. Zudem waren diese Pakete so groß, dass deren plötzliches auf-den-Markt-werfen auf den jeweiligen Börsenkurs stark negativ gewesen wäre. Flachner hatte also Macht.

An der A1 hatte er sich aber jahrelang die Zähne ausgebissen. Weder er, noch sein Kompagnon Christian Feger, von der A1 sogar aus dem Verwaltungsrat geworfen, waren den noblen Herren genehm. Eine Schmach, war doch B3 der Liebling der gesamten Finanzpresse, und Feger hatte sich mit Hilfe des einstigen Steigbügeldarlehens von A1 zum milliardenschweren Wirtschaftskapitän und Parteivorsitzenden gemausert.

Also musste so etwas abgestraft werden!

Und nun kam Flachner der Zufall zu Hilfe. Die A1 war im Nachgang einer Erpressung noch geschwächt. Ein geschickt operierendes Konglomerat aus Amerikanischen Sammelklägeranwaltshyänen, Holocaust-Profiteuren (nicht muslimischen Glaubens) und verantwortungslosen Journalisten hatte A1, A2 und A3 zwar nicht in die Knie zwingen, aber doch für einige Zeit in gebückte Haltung versetzen können.

Der finanzielle Schaden war das kleinere Übel, der ramponierte Ruf von Finanzplatz und Nation Schweiz wog schwerer. Zudem waren Röbi und Max, zwar nicht unbedingt grob fehlerhaft während der Affäre, aber doch geschwächt und nicht eben strahlend daraus hervorgegangen. Ein nicht zu verleugnendes Handicap, wenn strahlendes Siegerlächeln und positives Schwatzen bisher die Hauptassets waren.

Und leider kam es noch dicker: Der Max und seine Buben hatten die Hedge Fonds entdeckt. Und das war ja nun wirklich verlockend: warum denn sorgfältig analysieren, kompetent strukturieren und solide und gekonnt stärker werden und gedeihen, wenn man auch über Nacht steinreich werden konnte! Und die Risiken? “Ach hört doch auf mit Eurem negativen Denken!“. In nur zwei Jahren wurde eine ganze Bankkultur komplett auf den Kopf gestellt! Wollen Sie wissen, lieber Leser, wie die Geschichte finanziell für A1 ausging? Sie wollen nicht, glauben Sie mir! Nur soviel: das Führungsteam um Max war mehr als angeschlagen!

Und nun hatte B3 also sein Paket an A1-Aktien. Gerne hätte er sich selbst eingebracht. An Ideen, was man mit der Überkapazität in der Kasse von A1 machen könnte, mangelte es ihm nicht. Aber so angeschlagen war dann der Röbi doch nicht, den B3 in den Verwaltungsrat aufzunehmen.

Also nächster Schritt: die Drohung.

B3 drohte B10 damit, sein Paket an A1-Aktien dem Konkurrenten A4 anzudrehen. Verrat! An den Erzfeind!

A4 hatte zwar die  größte europäische Binnenwirtschaft im Rücken, hatte sich aber immer schwer getan, mit den Schweizer Getränkehändlern international mitzuhalten. Eine Verbindung mit dem größten Schweizer wäre da wie Manna vom Himmel gewesen! War Flachners Drohung realistisch?

Interessanterweise hatte nie jemand von A4 oder A3 Aktienpakete angehäuft, auch Flachner nicht. Zu uninspiriert und langweilig waren und sind beide Akteure. Egal ob selbstverliebte Egomanen an der Spitze sind, ob es Technokraten oder Berater ohne Fachwissen sind, sogar das Austauschen von Spitzenmanagern über die Landesgrenzen hinweg bringt nicht mehr Phantasie in diese beiden Player.

Aber dass die A4 zugegriffen hätte, hätte man ihr tatsächlich ein Paket an A1-Aktien angeboten, das war klar. Und Röbi fiel auf den Bluff rein.

B3 war natürlich sofort konziliant und hatte einen Gegenvorschlag bereit. Natürlich wollte man der stolzen A1 nicht eine Partnerschaft mit dem bösen Nachbarn zumuten welcher zuhause ein Industriebeteiligungspaket wie einen Klotz am Fuß hatte, durch eine Arbeitsmarkt- und Gewerkschaftssituation aus dem vorletzten Jahrhundert gebremst wurde, im Ausland etwa so elegant wie ein Elefant auftrat, aber dies trotzdem mit sprichwörtlicher Arroganz. Da war doch die Pille eines arroganten Landsmannes weniger bitter.

Und Flachner präsentierte diesen unterernährten Hasen im Handumdrehen aus dem Hut: die A2 war zu Gesprächen bereit. Und B3 diktierte auch die Konditionen: sämtliche Spitzenpositionen sollen mit A2 - Leuten besetzt werden. Der A1 soll das Verwaltungsratspräsidium und der Namenszug bleiben. Und Röbi fiel auf den Bluff rein und schluckte dies! Nach außen wurde der Zusammenschluss als ein Merger of Equals dargestellt.

Das muss man sich einmal vorstellen. A1 war klar die Nummer eins, A3 nicht nur abgeschlagen die Nummer drei, sondern auch in einer misslichen finanziellen Lage: wegen massiver Bilanzunterdeckung stand die Deponierung der Bilanz vor der Eidgenössischen  Bankenkommission wegen Unterkapitalisierung unmittelbar bevor. Aber das Kunststück gelang, der bankrotte Zwerg schnappte sich den fetten Riesen, welcher alles andere als krank war, aber wie man weiß, der Fisch stinkt am Kopf zuerst.

Wie bereits geschildert, nach außen wurde diese feindliche Übernahme als Fusion verkauft. Den Rest kennen wir. Arbeitsplätze wurden zu Tausenden vernichtet, Kunden sprangen ab, fähige Mitarbeiter und Kader ebenfalls, unfähige wurden nach oben gespült, Kriterien waren Herkunft und Loyalität, das Übliche also.

Was lernen wir daraus? Nichts, denke ich.

 Für Sie lieber Leser gibt es folgendes zu tun: leimen sie die beiden Spielfiguren A1 und A2 zusammen, zwecks besserer Standfestigkeit auf dem Spielfeld können Sie ja ein Basler Läckerli als Sockel darunterkleben..

Kapitel Zwei     Die Nightsession

Jedes Seminar hat mindestens einmal eine Nachtübung im Programm. Schließlich geht ja alles auf Spesen und der Arbeitgeber bezahlt dann sicher viel lieber wenn er sieht wie seine Schäfchen auch nach dem Nachtessen arbeiten. Für unsere Freunde Pippo und Lele ein idealer Einstieg, um Stimmung und Teilnehmer in Augenschein zunehmen und anschließend an der Hotelbar das eine oder andere aufzuschnappen.

“Also du gehst zum Workshop mit der vollmondgesichtigen Tennisspielerin und ich höre mal rein in die Vorlesung Wie man sich mit den richtigen Leuten umgibt, OK?“

“Da müssten wir eigentlich tauschen, du umgibst dich ja bereits mit mir während ich mich diesbezüglich noch verbessern könnte, aber lassen wir das!“

Man sieht, unsere beiden Helden sind hochmotiviert. Aber beide Abendveranstaltungen entpuppen sich als Alibiübungen. Pippo erbaut sich an einer Buchpromotion. Die Ballkünstlerin Marcella Bingemann liest aus ihrem Werk Wie man ein Dreiminuteninterview gibt ohne einmal einen Konsonanten zu benutzen, Überlebenshilfe für Legastheniker, während Lele feststellen muss, dass man sich in den oberen Kreisen nicht mehr gegenseitig auf die Hühneraugen tritt. Nach dem Motto Eine Krähe hackt der andern kein Auge aus folgen die Teilnehmer einer Aufzählung angeblich nicht opportuner Personenkombinationen, allesamt weit weg vom Wirtschaftbisiness. Dass alle aufgezeigten Beispiele sich verblüffenderweise überhaupt nicht negativ auf die jeweiligen Karrieren ausgewirkt haben entgeht dem Plenum offenbar: der Ballkünstler Rotschrr Plummer, umschwärmt von den edelsten Tennisgroupies weltweit, ist zufrieden, das biedere Fräulein Walinek um sich zu haben und der Amerikanische Öffentlichkeitsarbeiter Willi Klinten verbringt Zigarrenabende mit einer Praktikantin. Dabei müsste er doch eigentlich Kim Basinger oder Sharon Stone flachlegen, will er sich wirklich mit seinem Vorbild Tscheiefkei messen, welcher die Handynummern von Good Old Marilyn und von Marlene Dietrich gespeichert hatte.

Vielleicht bringt der Abend an der Bar ja etwas, die Malz-Auswahl ist auf alle Fälle viel versprechend.

Die Malt-WhiskyAuswahl war tatsächlich beeindruckend. Pippo kämpfte sich ohne Mühe durch ein Balvenie-Vertical-Tasting während sich Lele vom Barkeeper einen doppelten 18-jährigen Highland Park aufschwatzen ließ. Dessen Abrundung durch 3-jährigen Aufenthalt in gebrauchten Sherryfässern trug einiges zu seiner stoischen Ruhe bei. Diese war auch nötig, musste er doch das Gejammer der Dame mit den entgleisten Gesichtszügen zu seiner Linken ertragen, welche pausenlos Gin in sich hineinschüttete.
Aber sonst: Funkstille, keiner vermisste ein Seminargschpänli, Freunde schien der Verblichene jedenfalls nicht gehabt zu haben.

Ab in die Heia, Jungs,  morgen ist auch ein Tag!

Kapitel Drei               Die Gehirnwindungen der Getränkehändler

“Die Gehirnwindungen von Getränkehändlern können nicht so verschieden von denjenigen der Menschen sein“, sagte Pippo zu Lele beim Frühstück. “Heute überführen wir den Täter, so schwierig kann das doch nicht sein!“

Das Arbeitsthema des Tages war viel versprechend. Es ging nämlich um Karrieretücken und die Frage, ob es für eine erfolgreiche Karriere Charisma braucht.  Die Fallbeispiele Warum wird B5 nicht Bundesrat und Warum wird B1 nicht Generaldirektor sollten doch den einen oder andern möglichen Täter aus der Reserve locken, vor allem weil eines der Guineapigs nicht auftauchen würde, so was von lässig.

Denkste!

Obwohl die ersten zwei Stunden hochinteressant waren, wie unsere beiden Helden fanden. Ein ehemaliger Ständerat aus einer zentraleuropäischen Alpenrepublik hielt einen bemerkenswerten Vortrag zum Thema Milizwesen und Interdependenz paralleler Karrieren. Ein glühendes Plädoyer über die Vorzüge echter Miliz.

“Schade eigentlich, dass der Zeitgeist diesen echten Vorteil unseres Nachbarlandes kaputtgemacht hat“, fand Lele.

“Wie meinst du das?“ interessierte sich Pippo.

“Na ja, ich glaube dem Referenten, dass es für die innere Bindung und die Selbstdefinition eines Volkes wichtig und förderlich ist, wenn sich alle engagieren müssen. Und wenn der Dienst am Staat für alle Pflicht ist, dann machen auch alle mit, so einfach ist das.

Und wenn man sowieso muss, dann kann man es gleich auch richtig machen.  Deshalb wäre es eigentlich logisch, dass sich im Staatsdienst ebenso die Besten durchsetzen wie in der Wirtschaft. Also finden wir die höheren Armeeoffiziere wieder in den oberen Etagen der Firmen.

Und diese profitieren dann gleich doppelt. Einerseits erhält ihr Kader eine Gratis-Management-Ausbildung durch den Staat, nirgendwo sonst als in der Armee erhält man nämlich so früh die Gelegenheit, zu führen. Anderseits werden in Extrembedingungen in Schützengräben und auf Kommandoposten Beziehungen und Teams geformt, welche auch im Geschäftleben wieder abgerufen werden können. Da lassen sich doch längere Abwesenheiten der Kader locker verschmerzen, ein guter Chef hat ja schließlich (auch wieder in der Armee) gelernt, was gute Stellvertreterorganisation heißt.“

“Dann haben also die Betonköpfe recht, welche behaupten dass ein hoher Militär automatisch ein fähiger Unternehmensführer ist?“

“Natürlich nicht, im Gegenteil. Einerseits gibt es ja gute und auch schlechte Kommandanten. So wie es gute und schlechte Wirtschaftsführer gibt. Anderseits ist ja nicht jeder hohe Offizier ein Kommandant. Ein Stabsmitarbeiter, sei es ein Motorfahrer-Spezialist oder ein Quartiermeister, hat nie in seiner militärischen Laufbahn Untergebene führen müssen. Auch hat er nie eine Gesamtverantwortung tragen müssen sondern ist vielmehr immer nur für einen Teil-Fachbereich zuständig gewesen, und dies immer hinter dem Rücken eines Gesamtverantwortlichen, nämlich des Kommandanten. Dieser wird gewisse logistische Aufgaben delegieren können, aber die Führung seines Unternehmens wird er in eigener Verantwortung tragen. Angestellte und Berater könne nie auf Augenhöhe mit einem Chef mitreden wenn es um Sieg und Niederlage geht.

Prominentes Beispiel wo es versucht wurde und prompt schlief lief: A5.

Weiteres Beispiel: ein Artillerie-Regimentskommandant kann sicher in einem stressfreien Umfeld seine Regiment verwalten. Aber wie man einen Krieg gewinnt hat er nicht gelernt. Er war während seiner gesamten Laufbahn immer nur für die Bereitstellung einer Unterstützungswaffe zuständig, den Krieg haben andere gewonnen und verloren.“

„Jetzt fährst du aber dem B10 schön an den Karren!“

„Das hast du gesagt. Viel wichtiger ist mir eine andere Tatsache: seit Perestroika und Glasnost unsern Wortschatz bereichern ist ein potentieller Krieg nicht nur aus den Wörterbüchern der Sozialisten verschwunden, sondern in ganz Westeuropa abgeschafft worden. Überall werden Armeen verkleinert als ob man aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg nichts gelernt hätte.
Und die Folgen gehen weit über die Vernichtung momentaner Verteidigungsfähigkeit hinaus. In der Schweiz zum Beispiel wird nicht einmal mehr jeder zweite Stellungspflichtige aufgeboten. Die Folgen sind verheerend.

Die fähigen jungen Leute habe keinen Anlass mehr, sich fürs Land zu engagieren und konzentrieren sich lieber auf den Beruf. Richtigerweise. Das Feld überlassen Sie den Neonazis, Möchtegernrambos  und Schlägern. Für die Kaderposten ist nicht mehr genügend gutes Material vorhanden. Rückhalt im Volk und Akzeptanz der Armee schwinden weiter. Negativmeldungen häufen sich, Übergriffe und Peinlichkeiten werden irgendwann einmal amerikanische Ausmaße annehmen. Dort melden sich ja seit Jahren nur Kriminelle und untere Schichten zur Armee, die Folgen können täglich den Medien entnommen werden.“

“Mann, diese zwei Seminartage haben ja einen Soziologen aus dir gemacht!

“Nun übertreib mal nicht! Nur weil ich ein Arschloch erkenne, bin ich noch lange kein Urologe! Aber weißt du was auch verblüffend ist? Wenn einer die Armee kritisiert, hat er auch nie lange Dienst geleistet!“

“Mir hat die Thematik am Nachmittag gefallen: Der manchmal fatale Effekt von Seilschaften oder die Nachteile von unkontrolliertem Filz. Wenn man bedenkt wie wenige Zutaten du brauchst um eine gute Firma zu ermorden. Und beim Fallbeispiel A4 handelte es sich ja nicht einfach um irgendeine Firma. Die Schokoladenfabrik Schoggiswiss war der Stolz der ganzen Nation, pünktlich, zuverlässig, hohe Qualität. Personal musste gar nicht geführt und schon gar nicht informiert werden, man arbeitete sowieso gerne dort. Chefs konnten kapitale Fehler machen, sie wurden trotzdem kritiklos verhätschelt von den Untergebenen. Und die Firma lief gut und hatte international einen guten Ruf.

In den rasanten 90er Jahren kam dann allerdings die Erkenntnis auf, dass man auf internationaler Ebene zusammenarbeiten muss, wenn man sich weiter in der obersten Liga behaupten will. Und das wollte man, Alternativen wie etwa die Positionierung als lokal adäquater und dementsprechend portionierter Player wurden gar nicht geprüft.

Aber auf internationaler Ebene war man gar nicht in der Position, sich die richtigen Partnerschaften zurechtzuverhandeln. In der obersten Liga war nichts zu machen.
Und in der zweiten Liga schwammen die Felle ebenfalls davon.

Denkpause? Neue Lagebeurteilung?

Denkste!

Der Geschäftsleiter, nennen wir ihn einmal Pontegger, hatte sich seine so genannte Jägerstrategie vom Verwaltungsrat absegnen lassen und der sah einfach zu, wie Pontegger Schoggiproduzenten der dritten Liga zusammenkaufte: portugiesische, türkische, bankrotte französische, sogar den gewerkschaftsgeführten belgischen Konkurrenten leibte man sich zu ruinösen Konditionen ein. Und sämtliche Kontrollen versagten. Das Personal wusste zwar was geschah: Man hat den Pontegger im Flugzeug gesehen, bald kriegen wir wieder ein faules Ei ins Nest wurde ein Schlagwort in der Firma, aber anzweifeln tat ihn niemand, der Chef konnte unfehlbar wirken wie ein Gott.
Im Zuge dieser manischen Euphorie versagten auch Querkontrollen: Manager, welche ruinöse Engagements und Vertragsbedingungen erkennen und notfalls hätten verhindern können: ebenfalls Fehlanzeige. Und am allerschlimmsten: der CEO wurde auch nicht kontrolliert. Der Verwaltungsrat ließ ihn frei gewähren und sah zu.

Und weißt du, wie dieser Verwaltungsrat funktionierte: er galt als die Ehrenlegion Schweizerischer Verwaltungsräte. Berufungen in diesen erlauchten Zirkel hatten nichts mehr mit Fachwissen zu tun, sondern lediglich mit dem richtigen Parteibuch und der Präsenz bei entweder A2 oder A6 oder noch besser bei beiden.

Das musst du dir einmal vorstellen, da ruiniert ein unkontrollierbar gewordener Angestellter eine Firma und der Verwaltungsrat schaut zu! Nicht dass diese es hätten besser machen können, denn krisenerprobt war keiner und Fachwissen hatte auch niemand. Du musst dir das so vorstellen, wie wenn zum Beispiel in der Leitung einer Fluggesellschaft lauter Politiker, Kaffeeproduzenten und Getränkehersteller sitzen würden, kein einziger mit Kerosin im Blut. Geht ja auch nicht, oder?

Und in unserm Fall war es ähnlich. Der einzige Bankenvertreter, welcher wenigstens vom Finanziellen eine Ahnung hätte haben sollen, kannte sich in diesen Dingen auch nicht aus, er hatte sich in seiner Bank auch nicht mit Fachwissen hochgedient sondern war als Berater quereingestiegen. Und in diesem speziellen Filz kam erschwerend hinzu, dass man nicht wirklich hinterfragte.

Und dann, als die Krise unausweichlich war und man nicht mehr umhin konnte, den Pontegger zu entlassen, passierte das typisch Schweizerische: man holte einen aus der eigenen Seilschaft als Nachfolger. Markus Kurz war Finanzchef von A6 und ebenfalls Verwaltungsrat von A5. Als Finanzchef hatte er bei A6 nie eine Krise bewältigen müssen, A6 galt als Finanzriese welcher weder für Akquisitionen noch für Alltägliches auf Banken angewiesen war. Wenn man dies die Banken nicht spüren lässt verdirbt man es sich wenigstens nicht mit Freunden, dies nur am Rande.

Und dieser Markus Kurzer, so hieß er, krempelte also seine Ärmel hoch und machte sich ans Werk. Leider hatte er nicht nur nie eine Firma geführt, noch hatte er je eine Krise bewältigen müssen, sondern er hatte auch keine Ahnung vom Fach.

Dem Firmenmanagement vertraute er nicht, sondern umgab sich mit einem Heer von Beratern. Diese hatten natürlich auch kein Fachwissen. Und kritisch waren sie natürlich auch nicht, das tut ein Berater nicht, er kassiert, er strukturiert, aber auf Fehler macht er nicht aufmerksam, selbst wenn er sie sehen würde. Man will ja denselben Kunden schließlich wieder und wieder melken.

Und so kam es wie es kommen musste.

Ironischerweise stolperte Kurzer schließlich über eine vermeidbare finanzielle Bagatelle. Die von ihm aus seinen A6-Zeiten bekannte seinerzeitige Stellvertreterin wurde auch in der neuen Funktion als Finanzchefin bei A5 ihrem nicht vorhandenen Ruf gerecht.

Nicht vorhandenes Management beim Finanziellen und vor allem bei der Kommunikation machten aus dem unvermeidlichen Ende schließlich auch noch ein unrühmliches. Die Piloten der Schoggilastwagen durften von einem Tag auf den andern keine Schokolade mehr ausführen, warum hatte man ihnen nicht gesagt. Und ein Volk musste zusehen wie im ganzen Land leere Schoggilastwagen auf den grauen Strassen rumstanden. Dieser traurige Tag wurde dann landesweit auch als Graues Ding oder im Volksmund Grauding bekannt

Eine traurige Geschichte, nicht nur für Schokoladenliebhaber!

Aber jetzt habe ich Durst. Komm, wir gehen an die Bar!“

 

“Sag mal, findest du dich eigentlich in dieser Geschichte zurecht?“

“Darüber habe ich noch nicht nachgedacht, ich bin ja eh hier.“

“Ich wollt’s nur wissen, aber hast recht, gehen wir an die Bar!“

Kapitel Vier               Berichterstattung

“Berichterstattung, meine Herren! Das trifft sich sehr gut, dass sie hier auftauchen!“ Brimbusca verabschiedet sich formvollendet von der Dame mit den entgleisten Gesichtszügen und erhebt sich aus seinem Barfauteuil.
Dieser scheint die Verabschiedung unseres Galans nichts auszumachen, sie besorgt sich einfach einen weiteren doppelten Gin beim Barkeeper.

“Also, nun berichten sie mal, was haben sie herausgefunden? Der Staatsanwalt sitzt mir im Nacken, langsam aber sicher muss ich einen Verdächtigen präsentieren können. Sein Vorgesetzter war’s, nicht wahr?“

„Der Generaldirektor Bug, ja war auch unsere erste Idee. Haben wir aber überprüft, er war’s nicht. Ein Motiv hatte er natürlich, der Geier ging ihm seit Jahren auf die Nerven. Aber Bug war es nicht, der steht über einer solchen Sache. Schlau, clever, erfahren, von altem Schrot und Korn, trotzdem originell und menschlich. Hat sich vom Kassier bis zum Internationalen Bereichsleiter und Verwaltungsratsvizepräsidenten hochgearbeitet. Keine Leichen im Keller. Nein, der war’s definitiv nicht. Man bringt doch nicht seine Angestellten um, da hat man doch andere Disziplinierungsmittel.“

“Aber sie haben doch selbst gesagt, der Geier hätte ihn jahrelang genervt!“

“Na ja, Vizequestore, Sie nerven uns ja auch ständig, aber deswegen bringe ich Sie doch nicht um!“

“Nun mal schön sachlich bleiben meine Herren, obwohl, da haben Sie vielleicht recht. Aber was ist denn mit den andern Seminarteilnehmern?“

“Freunde hatte er keine. Aus dem Weg geräumte Konkurrenten gibt es auch nicht.  Für die meisten war er Luft. Wer mit ihm zu tun gehabt hat, der hat sich sicher geärgert über seinen übertriebenen Eifer, aber ein Mordmotiv haben wir bis jetzt nicht gefunden. Und seine Untergebenen waren ja am Seminar nicht vertreten.“

“Na dann meine Herren, dann machen sie sich mal wieder an die Arbeit. Wir haben noch einen halben Tag Zeit. Und ich gehe wieder an die Bar. Die einsame Dame, offenbar die Gattin eines Seminarteilnehmers, kann mir sicher die eine oder andere Insiderinformation zustecken. Gesprächig genug ist sie ja. Nette und selbstbewusste Person übrigens. Stellen sie sich mal vor, der Ehemann verbringt den ganzen Tag am Seminar und verbietet seiner Frau, sich zu amüsieren in der Zwischenzeit. Den Minibarschlüssel hätte er sogar vor ihr versteckt. Und den Besuch der Hotelbar hätte er ihr auch verboten. Aber diese Bevormundung hätte sie ein für alle mal abgeschafft, hat sie mir gesagt. Couragierte Person, muss ich schon sagen!“ “Sagen Sie mal, Vizequestore, den Namen der Dame wissen Sie nicht zufällig?“ “Natürlich haben wir uns bekannt gemacht, was glauben sie denn, man hat doch schließlich Manieren! Es handelt sich um eine Frau Höber oder so.“ Die Blicke welche sich Pippo und Lele jetzt zuwarfen hätte man einrahmen und an die Wand hängen können.

Schlusswort

Lieber Leser, wie Sie gesehen haben ist auch hier wie immer bei meinen Pippo- und Lele-Geschichten einiges sehr schlampig recherchiert.
Einige Schlussfolgerungen und Kommentare sind hanebüchen.

Aber Sie müssen auch meine Situation verstehen. Wenn nicht bald irgendwer mit einer Verleumdungsklage und viel Tamm Tamm auf mich losgeht, kriege ich nie die notwendige Publizität, damit endlich einmal ein Verleger und eine Millionenleserschaft auf meine Geschichten aufmerksam werden.

Deshalb nochmals: alle Personen, Akteure und Geschichten sind frei erfunden. Solche Typen gibt es im wirklichen Leben nicht, glauben Sie mir!

Und die Erde ist eine Scheibe.

EPILOG

Das übliche De-briefing auf der Terrasse des schönsten Hotels der Toskana.

“Die Geierin war’s also!“
“Der Geier hat ihr die Schnapsflasche versteckt, so einfach.“

“Sag mal, warum hat die eigentlich gesoffen?“

“Gleiches Syndrom wir beim Ehemann: unerfüllte Karriereambitionen. Zuerst wird ER nicht Generaldirektor, dann wird SIE nicht kantonale Erziehungsdirektorin, obwohl sie doch als Schulrätin in ihrer Landgemeinde sich wirklich Mühe gegeben, aber leider vor allem auch gemacht hat.“

„Zu ehrgeizig also?“

“Genau, man könnte sagen: hat nicht immer den Ton gefunden“.

“Oder das Werkzeug. Erschlägt den Geier mit einer Mineralwasserflasche!“

“Sag mal Carlo, warum hängst Du eigentlich eine Schrotflinte in den Salon Deines Hotels?“

“Das ist das Jagdgewehr meines Vaters.“

“Und was steht auf dem Schild darunter?“

“Warte, ich gehe es uns vorlesen. Lass doch Carlo in der Zwischenzeit noch mal vom ausgezeichneten Brunello nachschenken. Also, da steht:

Mit diesem Gewehr erschoss Carlo del Pino einen Gast welcher wiederholt die Hotelanlage als Pic-Nic-Anlage zweckentfremdet hatte. In einem wegweisenden Gerichtsurteil wurde Carlo del Pino nicht nur vom Tatbestande des Mordes freigesprochen, ihm wurde sogar Schadenersatz zuerkannt.

Sag mal, was ist denn da passiert?“

“Na ja, diese Schnepfe kommt doch jeden Ferientag mit tropfenden Melonen und eingelegten Tomaten und veranstaltet Imbisse beim Pool unten und auf den Terrassen. Und meine Anwältin hat zufällig gewusst, dass der verantwortliche Richter denselben wunderschönen handgemachten und heiklen Terracottaboden auf den Terrassen seines Landhauses hat. Auch sonst ein Mann mit Stil und Comment. Der Rest war ein Heimspiel“.

“Respekt! Sag mal, hat’s noch Wein?“

Aber den schleichenden Zerfall guter Sitten und Manieren können unsere Helden wohl trotzdem nicht aufhalten. Früher, ja früher ging man vielleicht ins Hotel zum Übernachten, man ging ins Restaurant um zu essen, man ging auf den Campingplatz um zu campen, man ging in die Natur und ein Pic-Nic hatte Stil. Heute im Zeitalter der Ueber-die-Gasse-Pizza vor dem Fernseher wird Carlo seine Schrotflinte wohl noch öfter brauchen müssen.

 

Geschichten

N.1
GIALLO
IN SIENA!
N.2
HABENKÖTTER
Ein Pippo und Lele Krimi
N.3
BIBERMORD
Ein Pippo und Lele
Krimi
N.4
GEIERMORD
Pippo und Lele in der Hochfinanz




Villa del Pino
Hotel Villa del Pino
Villa del Pino da Carlo del Pino
di Elser Karl Markus
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