Kürzlich war ich im Wallis. Meine Weissweinvorräte waren zur Neige gegangen. Und da durfte natürlich ein Abstecher nach Salgesch nicht fehlen. „Mein“ Weissweinkönig ist Gregor Kuonen. Nebst ausgezeichneten trockenen Weissen - mein Favorit ist sein Muscat - sind seine Süssweine meines Erachtens Weltspitze.
Nichts von plumper Süsse, nichts marmeladiges, sondern Frucht und mineralische Noten. Der absolute Höhepunkt ist sein Petit Arvine, bei dem man meint, in eine reife Aprikose zu beissen.
Nicht zu übersehen sind im ganzen Dorf zur Zeit die Hinweise darauf, dass man auch den amtierenden Weltmeister des Pinot Noirs unter sich weiss: Gregor Kuonen ist nicht nur ein Zauberer des Süssweins, er macht auch den besten Pinot Noir der Welt.
Auf meine Frage, welcher der drei angebotenen Blauburgunderweine denn nun der Weltmeistertropfen sei und wie er gemacht wurde, erhielt ich die erfreuliche und überraschende Antwort: keinen Tag Holzausbau. Reine Frucht, im Stahltank ausgebaut.
Ich habe keine Kenntnis über die Zusammensetzung der Jury, weiss nur, dass der Anlass in Frankreich stattfand. Aber ist es nicht erfreulich, dass in der Welt der Juroren und Weinjournalisten offenbar die Trendwende eingesetzt hat?
Wird man sich bald wieder unbefangen darüber unterhalten können, ob nun ein Rotwein im Holzfass war oder nicht, ob er Holzausbau braucht oder nicht? Also so wie bis etwa Mitte der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts? Keine Vorurteile mehr, nur persönlicher Geschmack und Vorlieben? Zu beachten nur noch Voraussetzungen und Bedürfnisse des entsprechenden Weins beziehungsweise der entsprechenden Traube.
Wie man weiss, war der Jahrgang 2002 in Italien problematisch: zuviel Regen, und erst noch zum falschen Zeitpunkt. Also ein Jahrgang bei dem der Konsument genauer als sonst den richtigen Weinproduzenten aussuchen muss. Eine positive Überraschung lieferte Casa Emma: akribische Selektion, ganz kleiner Ertrag, aber ein Chianti wie er sein soll.
Damit ganz klar das Vorurteil widerlegt dass man keinen 2002er Chianti kaufen soll.
Mit unserm Wein haben wir es ähnlich gemacht: sehr starke und wiederholte Selektion, die Lese an einem einzigen, sorgfältig ausgesuchten Tag, ein ganz kleiner Ertrag.
Nun steht ja beim Brunello die Notwendigkeit des Holzausbaus ausser Frage. Aber der 2002er brauchte weniger davon. Und so habe ich ein Experiment gewagt: anstatt der üblichen 4 Jahre im grossen Holzfass habe ich den Wein ein Jahr im Stahltank gelassen und dann im kleinen Fass aus Limousin-Eiche während nur 1 ½ Jahren ausgebaut. Anschliessend habe ich ihn ein weiteres Jahr in der Damigiane ruhen lassen. Er macht bereits Freude und meine Kunden rühmen ihn. Und darunter sind durchaus solche, welche immer noch den traditionellen Anspruch an einen Brunello haben. Ja, solche gibt es noch.
Wenn ich nun die Zeichen der Zeit richtig deute, dann darf ich sogar darüber sprechen, dass ich einen Barrique-Brunello gemacht habe, ohne sofort in die Biber-Ecke gedrängt zu werden.
Darauf trinke ich! |