
Hotel in der Toskana Siena San Gimignano
Geschichten
Giallo in Siena! |
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| Im Rahmen der Krimitage Burgdorf 2004 fand ein Kurzkrimiwettbewerb statt mit dem Thema „Sieh, das Böse liegt so nah!“ Alle dichterischen Freiheiten nutzend, entstanden daher einige Kurzgeschichten, welche so und hier natürlich nie hätten passieren können. Sinnlos, daher, darauf hinzuweisen, dass folgende Personen und Sachverhalte im wirklichen Leben nicht existieren. Trotzdem stelle ich in Zukunft einige dieser Geschichten auf meiner Webseite ins Netz. |
PINELLO
Ein Pippo - und Lele - Krimi |
| Im Büro des schrägsten Detektivduos von Siena. |
| Lele, mehr liegend als sitzend in seinem Bürostuhl, schenkt sich bereits den dritten Grappa ein. Natürlich wird das seinem Kopfweh nichts nützen, aber daran mag er jetzt nicht auch noch denken. Ueber seine Kopfhörer dröhnt „Walking the Blues“ in der fetzigen Version der Mojo Blues Band. Lele zündet sich langsam eine Bolivar Royal Corona an und denkt nach. Ein Hobby, das sich Lele manchmal gönnt. Nicht das Havanna rauchen, das auch, sondern das Denken. |
| Lele gegenüber sitzt Pippo und der denkt noch viel konzentrierter nach als Lele. Allerdings nicht über die ärgerliche Audienz von heute morgen, welche beiden den verdienten Büroschlaf geraubt hatte. Pippo vergleicht gerade die Farbreflexe in den drei Degustationsgläsern vor ihm. Langsam hebt er das erste Glas vors Licht, dann unter seine Nase. Pippo schnüffelt, riecht und atmet dann tief ein: Himbeeren, Brombeeren, der typische Geschmack einer frisch geöffneten Brunello-Flasche. Der 98’er, denkt er, aber ist es der Paradiso von Florio, oder ist es der Pinello von Carlo? Pippo nimmt das zweite Glas: leicht hellere Rubinreflexe, auch beerig, aber bereits Düfte reifer Erdbeeren: der 97er! Pippo nimmt einen kräftigen Schluck aus dem dritten Glas, ganz klar, der kräftige, vollmundige, fast fleischige aber trotzdem elegante 98er von Florio! |
Pippo steht auf, nimmt Lele die Kopfhörer ab und sagt: „Los, gehen wir in die Höhle des Löwen und lösen das Problem!“
Was war geschehen? |
Im Büro von Don Silvio Brimbolioni, auch heute,
aber früher am Morgen |
| Zeit: 08:40, im Büro des Vice Questore Silvio Brimbolioni, von Freund und Feind Brimbusca genannt. Seine Anhänger nennen ihn auch Silvio den Erfolgreichen. Zu recht findet er, denn in seiner gesamten Amtszeit ist in Siena noch nie ein Mord passiert und wer bitteschön ist denn dafür verantwortlich wenn nicht der Polizeipräsident? Dass ihn seine Gegner Silvio den Erfolglosen nennen rührt daher, dass er in seiner gesamten Amtszeit noch nie einen Kriminalfall gelöst hat. Natürlich hängt das eine mit dem andern zusammen, aber das wird sich ja jetzt alles ändern, denn IN SIENA IST EIN MORD GESCHEHEN UND DIESE BEIDEN HERREN IHM GEGENÜBER SIND GANZ SICHER DARIN VERWICKELT! |
Dem Vice Questore gegenüber, frisch gekämmt, aber noch sehr verschlafen, denn wer wird schon freiwillig morgens um halb acht von bewaffneten Carabinieri aus dem Bett geholt, bitteschön:
Filippo Marlotti, genannt Pippo, Beruf Privatdetektiv, Wein- und Frauenliebhaber (nicht immer in dieser Reihenfolge), wohnhaft (Arbeits- und Wohnort identisch !!!) Campo Nr. 10, Siena; |
| Samuele Spadoni, genannt Lele, Beruf Privatdetektiv, Zigarrenraucher und Bluesfan (nicht immer in dieser Reihenfolge), wohnhaft (Arbeits- und Wohnort identisch, dem werde ich mal die Finanza auf den Kopf hetzen wenn er jetzt nicht gleich spurt, und überhaupt diese Haare und wie der gekleidet ist!) Campo Nr. 10, Siena. |
| Auf dem Tisch des Vice Questore: der Bericht des Sergente: „Gefunden von der städtischen Reinigungsequipe: eine Leiche, männlich, Vorname Manfred, Nachname unbekannt, Nationalität Deutscher, Beruf Gaukler (Brimbolioni muss insgeheim zugeben, dass auch er sich schon oft köstlich amüsiert hat über die Spässe, welche der nun verstorbene Manfred auf Kosten der Touristen auf dem Campo treibt, das heisst getrieben hat), Fundort der Leiche: auf der Türschwelle von Campo Nr.10. Tatwaffe: mit Sicherheit das im Rücken des Opfers steckende Küchenmesser.“ |
| „Nun meine Herren, der Sachverhalt ist wohl klar: das Opfer gehörte bekanntermassen zu Ihrem Freundeskreis. Der Fundort der Leiche entspricht Ihrem Wohnort. Nicht näher eingehen möchte ich darauf, dass Sie diesen Wohnort auch als Arbeitsort angeben. Allerdings meldet mir der Sergente, dass ihre beiden Arbeitsbewilligungen als Privatdetektive exakt in diesem Monat zur Verlängerung anstehen. Und dann liegen auch noch diese zwei Zeugenaussagen vor, wonach sie beide mit dem Opfer gestern Abend zusammen in der Osteria Le Logge gesehen wurden, wo Sie bis 2 Uhr morgens zusammen gegessen, aber wohl vor allem getrunken haben; eine Anzeige wegen nächtlicher Ruhestörung wird im Moment noch bearbeitet, der den Bericht tippende Brigadiere wartet noch auf meine Instruktionen, ob Sie auch gestritten haben mit dem Opfer auf dem Heimweg oder nur gegröhlt“. |
Nicht schlecht, denkt Lele, das alles ohne einmal Luft zu holen und mit der vollendeten Grandezza, wie sie eben nur Don Silvio beherrscht.
„Na gut“, sagt Pippo, dann schaffen wir ihnen halt innert nützlicher Frist den Täter herbei, damit wir alle wieder unsere Ruhe haben.“ |
| Am Abend, in der Osteria Le Logge, nach einem Besuch bei der Spurensicherung des Polizeikommissariats und drei Stunden intensiven Denkens im Detektivbüro. |
„Weisst du, Gianni, es ist natürlich nicht gerade schön, dass auf der Tatwaffe, welche unsern gemeinsamen Freund Manfred ins Jenseits befördert hat, auch noch der Name deines Restaurants eingraviert ist“, meint Lele.
Die Tatwaffe, eines dieser neumodischen japanischen Küchenmesser mit japanischem Wellenschliff, im Moment „de rigeur“ bei allen Bulthaup- und Poggenpohlküchenbesitzern und Hobbyköchen, durfte natürlich auch nicht in Giannis Osteria Le Logge fehlen, dem besten Fresstempel Sienas.
„Na ja, deine Küchenbrigade wird ja morgen früh dann einzeln im Präsidium verhört und vielleicht kommt ja dabei etwas raus“.
„Das denke ich nicht,“ murmelt Gianni, „das Böse liegt in diesem Fall viel näher als ihr zwei denkt“.
„Sag mal Gianni“, meldet sich Pippo, „wie hast du denn diesen Branzino so wunderbar saftig und würzig hingekriegt?“ und schenkt sich ein weiteres Glas von Giannis vorzüglichem Brunello nach.
„Ein altes Rezept meiner Mutter“, entgegnet der Wirt, „du wickelst den ausgenommenen und entschuppten Fisch, seinen Bauch gefüllt mit frischen Kräutern und einer zerdrückten Knoblauchzehe, mit hauchdünn geschnittenem Lardo di Colonnato ein. Dann legst du ihn auf ein Bett feinst geraffelter Rösti, mit der deckst du den Fisch auch zu, und dann ab in den Ofen. Gut, gell? Und im Uebrigen wird die Befragung meines Personals nichts bringen, die waren zur Tatzeit alle bereits zu Hause“.
„Woher weisst du denn die Tatzeit so genau“, fragt Lele, dem der Fisch genauso mundete wie Pippo, auch Lele war bereits beim 3. Glas Brunello angelangt, von dem Gianni reichlich nachgeschenkt hatte.
„Weisst du“, entgegnet Gianni, „ihr seid doch gestern abend wieder einmal lange bei mir gehockt, die übliche Gesellschaft, ihr zwei, Manfred, der Notaio und dessen Frau, Carlo del Pino und Bruno Baffi, und ich habe ja auch kräftig mitphilosophiert. Und wie ich das schon immer gemacht habe wenn ich mit Freunden weit über die Polizeistunde sitze und Laura die Kasse bereits geschlossen hat, dann hat halt jeder die selbe fixe Summe in bar bezahlt.
Lele kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Dieselbe fixe Summe war früher immer ein Schein zu fünfzigtausend Lire gewesen, der dann irgendwann einmal sechzigtausend wurde. Mit der Einführung des Euro wurden dreissig, dann vierzig Euro daraus. Das grosse Gaudi war doch immer, wie jeder einen einzelnen Fünfzigtausenderschein zückte, während Manfred aus seiner Hosentasche ein ziegelsteindickes Bündel mit Tausenderlirenoten zückte und fünfzig davon abzählte: der Tausendlireschein war die Währung, mit der ihn die um den Campo sitzenden Touristen entlöhnten, beziehungsweise seine herumgereichte Mütze nach seinen Darbietungen füllten. Lele hatte sich schon oft gefragt, wieviele Euromünzen denn nun in Manfreds Mütze landeten und wieviele Hosenknöpfe darunter waren. |
| Gianni liefert die Antwort prompt: „Wisst Ihr, ich lade ja gerne mal meine Freunde ein. Aber wenn sie dann schon bezahlen wollen, dann erwarte ich richtiges Geld und es dürfen auch mal 40 abgezählte Euros sein. Aber mit Unterlagsscheiben, Antoniusmünzen und entwerteten Pfennigen kann ich mein Personal auch nicht bezahlen und irgendwann lupft es halt auch mir einmal den Schlammdeckel“. |
| Stille kehrt schlagartig ein am Tisch. |
| „Dein 99er ist dir wirklich gelungen“, versucht Pippo die Situation zu entkrampfen. |
| „Ja, langsam habe ich meinen Wein dort, wo ich ihn will“, entgegnet Gianni, „aber mir schmeckt der 99er meiner Tante Fortunata immer noch besser.“ |
| Pippo, dem nicht nur Giannis Wein, sondern auch seine Bescheidenheit immer gefallen hatten, erinnerte sich an eine Aussage des Beamten in der Spurensicherung heute morgen und sagt zu Lele: „Sag mal Partner, hat man nicht mehr als 15 verschiedene Fingerabdrücke auf der Tatwaffe gefunden und wahrscheinlich haben mehrere unbekannte und unauffindbare Touristen die Leiche und die Tatwaffe auch noch berührt?“ |
| Lele hatte sich gerade überlegt, wo er denn in Zukunft den besten Branzino der Welt mit Olivenmousse und frittierten Artischocken essen sollte, und meint zu Gianni: „sag mal Wirt, stört es dich nicht auch manchmal, dass du deine Küche nicht abschliessen kannst und dass eigentlich jeder Gast oder Passant in einem günstigen Moment eines deiner teuren Japanmesser entwenden kann?“ |
| Gianni schenkt noch eine Runde Brunello nach und meint dann: ja diese Touristen... |
| Aber das Böse liegt in uns selbst, denkt Lele. Sam Spade hatte seinerzeit Brigid O’Shaugnessy noch über die Klinge springen lassen. Aber der hat ja auch keinen Blues gehört. |
| Und Brunello hat er auch keinen getrunken, denkt Pippo Marlotti, der die Gedanken seines Partners perfekt gelesen hatte. |
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Villa del Pino da Carlo del Pino
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