DIE TUERME VON SAN GIMIGNANO
Eines der schönsten Merkmale eines Ferienaufenthaltes in der Villa del Pino ist sicher die Tatsache, dass dank der Lage eine atemberaubende Rundumsicht auf die Schönheiten des Chianti sich immer wieder neu präsentiert.
Die wechselnden Beleuchtungen je nach Tages- und Jahreszeit, verschiedene Schattierungen von Morgennebel zwischen den rollenden Hügeln im Herbst und Winter, der leuchtendblaue Himmel nach einem reinigenden Gewitter im Frühling, das fast geometrisch anmutende Nebeneinander von Weingaerten und Olivenhainen, von Menschenhand angeordnet und gepflegt und je nach Jahreszeit sich immer wieder anders präsentierend: geometrisch streng und wie manikueriert nach dem Schnitt im Winter, zunehmend grüner und voller in Frühling und Sommer, farbiger und prächtiger im Herbst und voller fröhlicher Menschen während der Weinlese im September und Oktober und während der Olivenernte im November, die Diskussionen darüber, wann es denn am schönsten sei in der Toskana, sind endlos.
Am spektakulärsten ist aber für die meisten die "Skyline des Manhattans der Toskana" nämlich die Sicht auf San Gimignano und seine Türme, sich gegen Westen wie ein Postkartenidyll präsentierend. Je nach Tageszeit sind die Türme verschieden beleuchtet, sind dank der kurzen Distanz manchmal zum Greifen nah, thronen manchmal wie ein Märchenschloss auf einer Wolke wenn der Bodennebel nach einem Gewitter die umliegenden Hügelzüge füllt. Ich persönlich begeistere mich am meisten über die sich täglich ändernden Farbschattierungen der verschiedenen Hügelzüge in den Dämmerstunden und während dem Sonnenuntergang im Frühling. Manchmal sind die Wälder blau, manchmal rosa, manchmal eine Sinfonie von Gelb, manchmal ein Bouquet von Lilatönen, manchmal tatsächlich grün, aber immer in den verschiedensten Schattierungen, zunehmend blasser gegen den Horizont. Und mittendrin thronen diese burgartigen Türme, bis sie die Sonne verschluckt haben.
Die Türme sind auch heute noch die Hauptattraktion von San Gimignano. Es gibt weltweit keine andere Stadt, die noch eine solche Anzahl intakter Geschlechtertürme hat. Sie wurden ursprünglich von den reichen Bürgern der Stadt errichtet und dienten nur zur Verteidigung. Die Familien wohnten nur im Krieg und zu Gefahrenzeiten in den Türmen. Im unteren Teil befanden sich keine Öffnungen und das Eingangstor, immer sehr klein und eng, befand sich hoch oben und konnte nur mittels Leitern und Stangen, oder vom obersten Stockwerk des angrenzenden Wohnhauses erreicht werden. Die wenigen Fenster sind klein und hoch und dienten als Schießscharten.
Nach dem Bau einer neuen Stadtmauer verloren sie ihre strategische Bedeutung und einige wurden geschleift oder fielen ein, außerdem baute man Fenster ein. Sie wurden zu Statussymbolen der reichen Familien und sollten deren Macht (und Ehrgeiz) ausdrücken. Dieses Streben trieb recht seltsame Blüten und buchstäblich über Nacht wurde manchmal ein Turm um einen Meter nach oben vergrößert, nur um zu demonstrieren, dass die Besitzerfamilie wichtiger als die Nachbarsfamilie war. Was diese in der folgenden Nacht trieb, ist leicht vorzustellen. Um der Anmaßung der reichen Familien ein Ende zu setzen, bekamen nur noch Adlige und Besitzer ein Schiffes im Hafen von Pisa (!) die Erlaubnis, Türme zu errichten. 1255 bestimmte die Stadtgemeinde, dass ein Privatturm nicht die Höhe des Rognosaturmes (50,92m) überschreiten dürfe, später gab der "Große Turm" (53,28 m) das Höchstmaß an.
Die großen Familien fanden eine neue Weise, ihre Macht zu demonstrieren: statt eines hohen Turmes wurden nun zwei kleinere gebaut, ein Beispiel dafür sind die heute noch erhaltenen Salvucci-Tuerme, die Zwillingstürme auf der Piazza delle Erbe. Während der Blütezeit soll es 72 Türme gegeben haben, 1580 waren noch 25 übrig, heute gibt es noch 13, alle in Privatbesitz. Eine Wohnung in einem Turm in San Gimignano ist übrigens heute noch "in" und erzielt die regionweit höchsten Quadratmeterpreise. Es ist verbürgt, dass dieses Streben, seine eigene Macht auf diese Weise zu demonstrieren, weit verbreitet war, sicher in der ganzen Toskana, wohl aber darüber hinaus. So war es zum Beispiel im ländlichen Norwegen wichtig, dass der Aussichtsturm auf dem Bauernhaus höher ist als derjenige des Nachbarn. Wie kommt es nun, dass diese prächtigen Zeitzeugen nur noch in San Gimignano vorhanden sind?
Böse Zungen behaupten (zu Recht), dass dies mit der strategischen Bedeutungslosigkeit des Städtchens zu tun hat. Während andere Städte in der Toskana wiederholt belagert, verteidigt, erobert, und damit leider auch immer wieder (teil-)zerstört wurden, wurde San Gimignano davon verschont. Es liegt zwar an der Franchigiana, dem Jakobspilgerweg, ist aber von den strategisch bedeutenden Achsen wie der Volterrana und der Cassia jeweils mehr als 10 km entfernt.
San Gimignano versank denn auch in die Bedeutungslosigkeit und erwachte erst wieder gegen Ende des 20. Jahrhunderts, als es, dank seiner Türme, zu einem Touristenmagnet ersten Ranges wurde. Heute zwängen sich Tausende täglich durch die engen Gassen, mit Bussen angekarrt, und überlassen die Stadt erst wieder Ihren Bewohnern ab 19:00 Uhr abends oder außerhalb der Saison. Privilegierte Feriengäste haben täglich eine einmalige Sicht von einer der Terrassen der Villa del Pino, oder sind in 10 Minuten am Ort, und, auch wieder zurück.
Über die heutigen Türme, deren Entstehung, sowie die Sehenswürdigkeiten und die Geschichte von San Gimignano berichtet eine nächste Ausgabe der Pino News.
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