Kürzlich habe ich einen Artikel aus der „Zeit“ ausgeschnitten. Er erzählte von einem Autofahrer in Polen, welcher, seinem GPS blind folgend, sein Auto in einem Dorfweiher parkierte.
Nicht überliefert ist, ob seine Beifahrerin erfolglos versucht hatte, ihren Begleiter vor Schaden zu bewahren, ob sie ebenfalls dem GPS-Bildschirm mehr Beachtung geschenkt hatte als einem Blick nach draußen, ob sie den Kampf gegen die Computerstimme („nach 50 Metern rechts, jetzt rechts, jetzt um 180 Grad wenden, jetzt um 360 Grad wenden, bitte warten Sie, Ihre Route wird neu berechnet..“) überhaupt angenommen hatte, oder ob sie, entnervt und ihre sofortige Scheidungswilligkeit mühsam rauspressend, das Fahrzeug bereits vorher verlassen hatte. Nun, die Geschichte erstaunt nicht.
Besucher meiner Webseite wissen, dass die nächste Ortschaft, 1500 Meter vom Hotel entfernt, Bibbiano heißt. Sie können natürlich nicht wissen, dass es in Italien mehr als ein halbes Dutzend Bibbianos gibt, 4 davon allein in der Toskana. Bibbona gibt es auch, eine Stunde Fahrzeit entfernt, und Bibbione an der Adria. Und so weiter. Nicht etwa, dass das Navi nicht fragen würde, welches Bibbiano denn gemeint sei. Aber wie soll das einer wissen, welcher beschlossen hat, nicht mehr Karte zu lesen, Wegweisern keine Beachtung mehr zu schenken, Auskünften und Wegsbeschreibungen von Drittpersonen und Anwohnern nicht mehr zu vertrauen, und die Ratschläge der Beifahrerin, welche, Karte, Umgebung und Wegweiser studierend ein genaues Bild hätte, geflissentlich zu überhören? Eben.
Und so kriege ich dann Anrufe wie den folgenden:
„Wir sind jetzt in Bibbiano. Rechts steht: Perugia 6 Kilometer, links steht Assisi 18 Kilometer, welche Richtung müssen wir nehmen?“
Oder:
„Wir sind jetzt eine Stunde um Modena rumgekurvt. Ich habe zu Fredi gesagt, dass Florenz erst nach Bologna kommt, aber er hat gemeint, dass das Navi sicher recht hat.“ (Ja, auch in der Emilia Romana gibt es ein Bibbiano)
Oder:
„Wir haben uns glaub ich verfahren (sic!). In Florenz haben wir absichtlich nicht die Strasse in Richtung Siena genommen, weil das Navi diese nur als die zweitschnellste bezeichnet hat. (am schnellsten gemäß diesem oberintelligenten Gerät war offenbar die Idee, der Autosole weiter in Richtung Süden zu folgen und dann, etwa auf der Höhe Arezzo, in westlicher Richtung quer sich durch die Hügel pflügend, mit dem amphibischen und mit einem Tunnelbohrer bestückten Bulldozer Siena unterirdisch anzusteuern.)
Meine Telefonseelsoge beginne ich dann jeweils mit dem Satz: „Als erstes schalten sie einmal ihr Navi aus!“ Lieber Leser, Du weißt natürlich bereits, dass dies ein frommer Wunsch ist.
Entweder ist die Beifahrerin am Telefon. Sie notiert meine Anweisungen getreulich und beide, Sie und ich, haben ein gutes Gefühl. Bis sie dann den Hörer noch ihrem Mann geben muss, welche die brennende Frage hat, wie die allererste Ortsbezeichnung, meiner Wegbeschreibung (meistens die Autobahnausfahrt, wo als erstes einmal die Autobahn verlassen und in Gegenrichtung gewendet werden muss) denn buchstabiert werde („nicht so schnell, ich bin am eintippen“).
Und die Beifahrerin und ich wissen: hoffnungslos! Oder es ist gleich der Fahrer am Telefon und das Gespräch bleibt fruchtlos.
Nun verbessert sich die Navisoftware ja laufend. Und in etwa 10 Jahren kann man damit vielleicht einen Toskanaurlaub planen. ABER HEUTE NOCH NICHT!
Der gesamte Hügel, auf welchem mein Hotel steht, ist beispielsweise noch ein weißer Fleck auf den Navi-Karten. Wie Afrika vor hundert Jahren. Und wie weite Teile des Chianti beispielsweise. Das wissen meine Gäste. Ich schreibe es ja auch in meine Voucher-Korrespondenz rein. Trotzdem erhalte ich Anrufe wie folgenden: „wir sind sicher ganz nahe bei Ihrem Hotel, links ist ein Wald und rechts ist ein Baum. In welche Richtung müssen wir jetzt, wir sind schon 6 mal diese Strasse in beiden Richtungen abgefahren.“
Waren das noch Zeiten, als meine Gäste Wegweiser lesen konnten! Und der Wegbeschreibung meiner Webseite gefolgt sind.
Der gesamte Tagesablauf meiner Gäste hat sich natürlich auch geändert. Während noch vor wenigen Jahren spätestens ein halbe Stunde nach dem Frühstück wohlgemut ein vielversprechender Ausflug unter die Räder genommen wurde, steht heute das Auto eine Stunde nach dem Morgenessen immer noch auf dem Parkplatz. Hatte früher vielleicht der Gatte 10 Minuten auf seine Frau gewartet (und die Wartezeit hatte sich eigentlich fast immer gelohnt), so ist es heute die Gattin, welche eine halbe Stunde lang auf dem Parkplatz Bäume, Kräuter und Büsche beriecht und bewundert. Während der Schöpfung Krone im Auto seinen Navi programmiert. Und dass sich diese Wartezeit nicht lohnen wird, wissen wir bereits.
Nicht nur, dass die Hälfte des Vormittags bereits unwiderruflich vergeudet ist. Die Stimmung ist auch nicht mehr so turteltaubenmässig urlaubig. Und die nächste Ratlosigkeit bereits an der übernächsten Straßenkreuzung absehbar.
Und das einstündige Programmieren vor der Abfahrt ist erst noch bereits der zweite Akt. Der Mustergatte hatte das Navi ja bereits beim Frühstück dabei. Gerüchteweise gibt es bereits Scheidungsanwälte, welche sich auf Naviklagen spezialisieren. Aber wie gesagt, (noch) ein Gerücht.
Und so erhält das an sich intelligente und auf die Toskana perfekt zugeschnittene Motto „Der Weg ist das Ziel“ eine leider unintelligente neuzeitliche Bedeutung.
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